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Ilse Nagelschmidt
Der Feminismus ist tot, er lebe hoch

Gesellschaft Gertrud Höhler bietet mit ihrem neuen Buch wenig Neues

Nun sind sie scheinbar überall: Nach den Wölfinnen unter Wölfen und den Bedroherinnen, nach den Zweiflerinnen und Amazonen sind es die tonangebenden Alphafrauen, die das Terrain erobern. Ein Blick auf den aktuellen Buchmarkt zeigt, dass das Alpha-Sein für Frauen Konjunktur hat: Sie wollen sich nicht mehr mit Rang zwei begnügen, nicht ständig in der Opferrolle sein oder in der Schönheitsfalle landen. Das Gebot der Stunde heißt, sich endgültig auf sich selbst besinnen und den Feminismus der neuen Frauenbewegung zu Grabe zu tragen. Wie heißt es so prägnant: Die Zeit der Frauenverschwörung gegen alle Feinde war der Feminismus.

Was ist aber nun so neu und revolutionär für Frauen und Männer? Dass im vergangenen Jahr der 100. Geburtstag von Simone de Beauvoir begangen wurde, ist längst nur noch Insidern bewusst, bekannt dagegen sind ihre zu Sprichwörtern gewordenen Sätze: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht" und "Der Mann ist Subjekt, die Frau ist das ,Andere'". Darauf aufbauend fordert die Wirtschafts- und Politik-Beraterin Gertrud Höhler: Frauen müssen weg aus der Opferrolle. Diese Botschaft ist wiederum so neu nicht. Wer sich gut im Werk der Nobel-Preisträgerin Elfriede Jelinek auskennt, weiß, dass diese seit über 30 Jahren an der Zerschlagung des Trivialmythos Frau arbeitet.

Liefert Höhler nur alten Wein in neuen Schläuchen? Ein Mann wird dich nie um deinen Verstand beneiden. Er will ja keinen weiblichen Verstand, sondern einen männlichen. Beim Lesen solcher Sätze fühlt man sich unwillkürlich an das Ende des 18.Jahrhunderts und die Debatte "Ob die Weiber Menschen sind" erinnert. Und für wen ist eigentlich die Schonzeit vorbei, wie der Buchtitel verspricht? Für ihn, der erkennen muss, dass sie seine Nadelstreifen trägt, seine edle Krawatte um den Hals schlingt und dabei die Lockenmähne schüttelt? Oder für sie, die endlich erkennen muss, dass die Schwesterlichkeit eine schöne Mär früherer Zeiten ist, die als Frau die Mitkonkurrentin nicht täglich niederbeißen darf und sich vielmehr auf sich selbst konzentrieren muss?

Stereotypen

Auffällig ist, dass die Autorin bei aller Differenz immer wieder von "der" Frau und "dem" Mann spricht. Es ist fraglich, ob diese Art der Botschaften noch die jungen Menschen erreicht, die längst unter dem Eindruck der veränderten Demografie ihre Plätze besetzen und eigene Ansprüche verwirklichen. Oder ist das unbekannte männliche Wesen mit dem Auftritt der Alphafrauen wirklich so verunsichert, dass James Dean als Vorbild herhalten muss? Ist das Modell des "mixed leadership" nicht auch zu realisieren, ohne dass Alphapositionen verteidigt oder angenommen werden müssen? Zu entdecken ist immer wieder das mehr oder weniger lustvolle Umgehen mit den Stereotypen. Schon lange gehört es zu den Tatsachen, dass junge Frauen in Deutschland die besseren Schulnoten und die flexibleren Lebensentwürfe haben. Sind sie also wirklich so schlecht vorbereitet, dass der Satz "Weibliche Alphatiere sind nicht vorgesehen in der Industriekultur" noch mit aller Wucht auf sie zutrifft? Ist es die Aufgabe von modernen jungen Frauen, Männern stets ein plagendes Gewissen zu bereiten und ihre Selbstzweifel zu stärken? Zu wünschen ist, dass dieses Buch vor allem Männer aller Generationen lesen und weitab jeglicher Vorurteile ihre Positionen ausloten.

Ansonsten bietet Höhler einen vergnüglichen Ritt durch die Sozial-, Kultur- und Konsumgeschichte. Von Athene über Eva und Maria bis Angela Merkel und Maggie Thatcher werden wichtige Frauen der abendländischen Zivilisation zitiert. Die Leser erfahren zudem sehr viel über Labels und Trends - die jeweiligen Firmen von Armani bis Zenga können sich für so viel Werbung bedanken. Einen Satz sei jedoch allen Frauen ins Stammbuch geschrieben: Für den Erfolg der Frauen sind die Frauen allein verantwortlich.

Gertrud Höhler:

Das Ende der Schonzeit. Alphafrauen an die Macht.

Econ Verlag, Berlin 2008; 279 S., 22,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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