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Anne Haeming
»Viehwaggons hatten wir schon«

SATIRE Tova Reichs bitterböser Roan über den Umgang mit dem Holocaust

Roboterartig bewegen sich die Computerfiguren durch den Raum, ein verpixeltes Konzentrationslager. Ein Güterwaggon hier, ein gelber Stern dort, alles umrankt mit Stacheldraht. Das ist das Coverbild von "Mein Holocaust" der US-Autorin Tova Reich.

Auslöschung ist drollig, so die Anmutung der Illustration, alles zwischen Auschwitz und Birkenau ein einziger kommerzieller Jahrmarkt - das Geschäft mit der Vergasung, es boomt. Seltsam aktuell. In einer jüngeren Ausgabe des "Newsweek"-Magazins analysiert die Filmwissenschaftlerin Annette Insdorf den konfliktgeladenen Zusammenhang zwischen Holocaust und Hollywood. Einen Nazi-Film zu drehen, so ihr nüchternes Resümée angesichts fünf einschlägiger Neustarts von "Walküre" bis "Der Vorleser", sei noch immer ein Garant für eine Oscar-Nominierung gewesen. Beim Gedanken an derartiges Blockbuster-Kalkül fällt einem sofort die hitzige Diskussion um Norman Finkelsteins Thesen von der "Holocaust-Industrie" wieder ein, die besonders Rechtsextremen gut in den Kram passen.

Genau in diese Gemengelage aus Kommerz, Ketzertum und Komik zielt Tova Reichs "Mein Holocaust". Mit ihrer Geschichte um die Familie Messer setzt sie noch eins drauf: Hier machen Überlebende ein Geschäft aus ihrem Opferstatus. Mit ihrer Firma "Holocaust Connections Inc." berät die Unternehmerfamilie Messer in Sachen politisch korrektem Gedenken. Es gab "nichts Besseres als den Holocaust", konstatieren sie. "Das war der Bestseller, das war die sichere Bank, damit bekam man den Kunden immer." Damit nicht genug, hat Oberhaupt Maurice Messer seine Leidensgeschichte "zum Zwecke der Selbstvermarktung" erfunden, was "ein Schmock". Und dann tritt ausgerechnet Maurice Messers Enkelin Nechama zum Christentum über, führt als Schwester Consolatia ein nonnenhaftes Leben, und fordert: "Christen haben auch ein Recht auf einen Holocaust."

Überspitzung von Vorurteilen

Das Buch, bereits 2007 in USA publiziert, ist Reichs viertes. Ihr Leitmotiv: die Überspitzung von Vorurteilen gegenüber Juden. Das erste Kapitel des neuen Werks erschien übrigens bereits vor neun Jahren als Kurzgeschichte in der amerikanischen Traditionszeitschrift "Atlantic Monthly". In den Kritiken diesseits und jenseits des Atlantiks wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Tova Reichs Ehemann einige Jahre Direktor des "Holocaust Memorial Museums" in Washington war. Dessen Demission, so manche Auguren, sei Reichs Motivation für den umstrittenen Text gewesen. Das "Holocaust Memorial Center" im Roman ist wohl eine kaum verbrämte Version des realen Museums.

Abgesehen von derartigen Hintergrundgeräuschen: Reich dekliniert ihre Argumentation durch, das muss man ihr lassen. Es ist ein Spiel, garniert mit derbem Jiddisch, mit dem sie ihre Leserinnen und Leser unweigerlich herausfordert.

"Viehwaggons hatten wir schon. Von jetzt an ist erste Klasse angesagt, für die ganze Strecke", macht Norman Messer seinem Vater Maurice Dienstreisen schmackhaft. Die zweite Generation wie er, Kinder der Überlebenden, "diese Holocaust-Nassauer", wissen: "Was könnte schöner sein? Alle Vorteile durch Auschwitz, ohne diese Grausamkeit tatsächlich durchmachen zu müssen - Holocaust light."

Ähnlich drastisch bleibt es, etwas atemlos reihen sich Sätze und Gedanken aneinander. Ein Kracher dieser Art nach dem anderen wird gezündet; doch ob alle das Dauerfeuerwerk der teils anstrengenden Selbstironie ohne Ermüdung bis zum Schluss durchhalten, ist fraglich.

Dennoch: Diese Satire inkorporiert die gesamte Bandbreite des gemeinhin geltenden Antisemitismus und gibt ihn der Lächerlichkeit preis. Spätestens wenn der nächste Bestseller à la Finkelstein die Sachbuch-Bestsellerlisten und Feuilletonseiten stürmt, wird klar sein: "Mein Holocaust" ist nichts weniger als ein ätzender, hochpolitischer Kommentar auf vergangene, aktuelle und künftige Diskussionen.

Tova Reich:

Mein Holocaust. Roman.

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008; 336 S., 21,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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