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Jörg von Bilavsky
Der Fluch der Herkunft

Holocaust Moshe Zimmermanns besonderer Blick auf das Schicksal der deutschen Juden

Die Menschen haben sich pünktlich eingefunden. Der ‚Jecke', wie man den deutschen Juden hier spöttisch nennt, hat ja seine Milieudisziplin mitgebracht. Er versucht gar nicht, sein Schicksal abzuwenden, dass er sich versteckt. Alle treten an, denn Ordnung muss sein." Sätze des Argwohns und der Verständnislosigkeit aus dem Munde eines Juden, des Leiters des Ghettos in Lódz. Worte eines osteuropäischen Juden, der den deportierten Neuankömmlingen aus dem Deutschen Reich mit stereotypen Vorurteilen begegnete statt sie auch als Verfolgte und Vertriebene, als Angehörige der jüdischen Schicksalsgemeinschaft zu integrieren. Aber auch viele der deutschen Juden pflegten im Ghetto ihr Vorurteil vom faulen, schmutzigen und hinterhältigen "Ostjuden". Unerträgliche Spannungen in einer ohnehin schon unerträglichen Situation waren die Folge.

Deutsche Sekundärtugenden und Herkunft erwiesen sich für die Juden aus dem "Altreich" als Fluch, aber oft auch als identitätsstiftende Zuflucht. Sowohl im KZ als auch im Exil, wie der Historiker Moshe Zimmermann das Schicksal der Juden von der "Reichspogromnacht" bis zur physischen vernichtung beschreibt. Stellten die Nationalsozialisten das "Deutschtum" ihrer jüdischen Landsleute von Anfang an in Abrede, warf man ihnen jenseits der Grenzen von 1937 den typisch deutschen Nationalcharakter vor. Im Gegensatz zu den europäischen waren die deutschen Juden in vielerlei Hinsicht heimatlos und stigmatisiert. Ein guter Grund sich besonders dem Schicksal der deutschen Juden zu widmen. Aber keineswegs das einzige und nicht unbedingt das zentrale Motiv des Professors von der Hebräischen Universität Jerusalem. Angesichts der zahlreichen Überblicksdarstellungen zur "Vernichtung der europäischen Juden" will er auf Basis vieler Einzelstudien die Geschichte der deutschen Juden als "historische Synthese" erzählen: als "Zwischenbilanz" ohne "unzählige Details".

Entrechtung und Enteignung

Wenngleich er seine Thesen sowie sein Quellen- und Zahlenmaterial oft bis an die Grenze der Redundanz zur Sprache bringt, fasst er die bisherigen Forschungsergebnisse doch relativ geradlinig zusammen. Dass die Nationalsozialisten zunächst die Juden vor Ort im Visier hatten und bei deren Entrechtung und Enteignung das ideologische Moment oft genauso schwer wog wie das ökonomische belegt Zimmermann ebenso klar wie die Absurdität und Widersprüchlichkeit einzelner Maßnahmen. Reichte das Spektrum der Verordnungen doch von der reinen Ausbeutung bis zur reinen Schikane. So erkennt der israelische Publizist in den bedrohlichen Angriffen und Anordnungen, die zur Ausgrenzung, Ausbürgerung und schließlich zur Deportation und zum Mord führten keinen "ordentlichen, nach Etappen geplanten Prozess". Wohl aber ein "Resultat der sich stets radikalisierenden Absicht (...) Juden ‚loszuwerden'".

Zimmermann ist auch kaum zu widersprechen, dass die Juden in Deutschland trotz fortgesetzter Demütigungen vom Einmarsch in Polen 1939 bis zum Angriff auf die Sowjetunion 1941 noch eine "Schonfrist" erhielten und danach mit allen propagandistischen Mitteln versucht wurde, ihre anvisierte Vernichtung als "gerechtfertigte" Vertreibung zu tarnen.

Ob die in Deutschland verbliebenen Juden diesen Täuschungsmanövern weitgehend erlagen und deshalb bis zum offiziellen Auswanderungsverbot vom 28. November 1941 nicht emigrierten und danach - in der Hoffnung auf bessere Nachkriegszeiten -kaum Widerstand leisteten, bleibt trotz der von Zimmermann angeführten Gegenargumente weiterhin fraglich. Schließlich ließen es die antijüdischen Ausschreitungen, Appelle und Anordnungen selten an Deutlichkeit fehlen, wie er zur Beantwortung der am Schluss des Buches gestellten Frage "Was haben die Deutschen gewusst?" auch selbst darlegt.

Widerstand und Flucht

Als unmittelbar Leidtragende waren die Juden über die unmenschlichen Maßnahmen besser informiert als die "Volksgemeinschaft". Dieses vermeintliche oder tatsächliche Nichtwissen entschuldigt weder die Indifferenz der nichtjüdischen Deutschen noch verpflichtet die akute Bedrohung deutsche Juden zwangsläufig zu Widerstand und Flucht, wie es Zimmermann den aus "der sicheren retrospektiven Position" heraus "oft besserwisserischen Betrachtern" vorwirft. Unter anderem so integeren Intellektuellen wie Hannah Arendt oder Raul Hilberg.

So liest sich die mit gewichtigen Argumenten und gerechter Anteilnahme verfasste Zusammenschau oft mehr als Apologie der von Wissenschaftlern beider Konfessionen kritisierten "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland", deren angepasstes und widerstandsloses Verhalten nicht nur Menschenleben gerettet, sondern vielleicht auch getötet hat. Auf der Strecke bleibt dabei eine intensivere Betrachtung der "facettenreichen Beziehung" zwischen Nichtjuden und deutschen Juden, wie es der Buchttitel eigentlich suggeriert. Sie wird hauptsächlich auf Basis amtlicher oder propagandistischer Quellen angestellt, selten an konkreten Freundschafts- oder Feindschaftsverhältnissen zwischen Deutschen und Deutschen. Diese Verhältnisse würden eventuell erklären, wieso sich gemeinsame Tugenden und kulturelle Werte gegenüber einer totalitären Ideologie nicht behaupten konnten. Auf diese Frage gibt das Buch wenig Antworten, auf die Frage nach der seelischen und physischen Vernichtung der deutschen Juden jedoch um so mehr.

Moshe Zimmermann: Deutsche gegen Deutsche. Das Schicksal der Juden 1938-1945.

Aufbau Verlag, Berlin 2008; 315 S., 22,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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