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Christoph Birnbaum
Der Staat ist schuld

Finanzkrise Rainer Hank widersetzt sich den gängigen Klischees über das Versagen des Marktes

Dies ist kein bequemes Buch. Der Wirtschaftsressortleiter der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" bedient nicht die gängigen Klischees, die sich über die Finanz- und Wirtschaftskrise fest in unserem Bewusstsein eingeschliffen haben. Im Gegenteil: Rainer Hank bürstet die globale Krise des Kapitalismus gegen den Strich. Und er tut dies als überzeugter Marktliberaler.

In den USA standen das billige Geld und die faulen Kredite am Anfang dessen, was wir heute beklagen. Aber, so fragt Hank, ist es eigentlich Markt- oder Staatsversagen, wenn es den Käufern eines Hauses erspart bleibt, im Fall der Zahlungsunfähigkeit mit dem eigenen Vermögen zu haften? Und ist es Markt- oder Staatsversagen, wenn Banken nicht für ihre Kredite haften? Für ausreichende Haftung der Marktakteure zu sorgen, ist eine zentrale Aufgabe des Staates. Er hat versagt. Dem Häuserboom in den USA lag ein ganz klares sozialpolitisches Programm zugrunde. Es war der politische Wille der US-Regierung, jedermann den Traum vom eigenen Heim zu erfüllen. Dazu gab es die billigen Kredite der Immobilienfinanzierer "Fanny Mae" und "Freddy Mac". Und dafür verbilligte Alan Greenspan den Leitzins, um die Finanzierung einer immer mehr in die staatliche wie private Überschuldung geratenen Volkswirtschaft zu erleichtern. Hanks Fazit: Der amerikanische Staat hat das eingebrockt, was die Staaten der Welt heute auslöffeln müssen.

Warum aber haben es die Amerikaner so weit kommen lassen? Weil es, so Hank, den gierigen Kasinokapitalismus, der heute in diesem Zusammenhang immer gerne beschworen wird, in Wirklichkeit in den USA gar nicht gibt und nie gegeben hat. Hank macht drei Zäsuren in der amerikanischen Geschichte seit dem frühen 20. Jahrhundert aus: Franklin D. Roosevelt rief 1933 den New Deal aus. Ronald Reagan befreite 1980 die Märkte von der Gängelung durch den Staat. Und 2008 trat Barack Obama mit dem Versprechen einer Neuauflage des New Deal an. Es ist, als versuche Amerika sich selbst immer wieder von der Selbstinfizierung durch den amerikanischen Virus zu kurieren. Und es ist, als habe man immer genau jene Mittel als Therapie empfohlen, die zuvor als Auslöser der Krankheit identifiziert worden waren.

Was aber ist nun "der amerikanische Virus"? Hank meint, es sei nicht in erster Linie die laxe Kreditvergabe gewesen. Auch an der Verbriefung von faulen Krediten, also ihre Bündelung in Wertpapiere, die zwischen den Banken gehandelt wurden, findet er im Grundsatz nichts Schlechtes. Die Logik der Verbriefung war, Risiken breit zu streuen. Wenn ein Schuldner zahlungsunfähig wird, sitzen die Gläubiger über die ganze Welt verteilt und halten alle nur einen winzigen Teil der Forderungen. Selbst Hedgefonds hält Hank für unabdingbare Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung, indem sie hochspekulatives Wagniskapital in neue Geschäftsfelder stecken und erst so "Start up"-Unternehmen zum Durchbruch verhelfen. Nein, den eigentlichen "amerikanischen Virus" macht Hank in der eklatanten Missachtung des Verursacherprinzips aus. Der Zusammenhang von Risiko und Haftung existierte in der US-Finanzarchitektur nicht mehr. Banken konnten exzessiv Kredite vergeben, ohne dass sie selbst eine Verpflichtung hatten, diese Kredite zurückzuordern. Und der Staat verschloss seine Augen.

Wie aber kommen Amerika und der Rest der Welt aus der Krise wieder heraus? Nicht durch Konjunkturprogramme, die Hank allesamt für Teufelszeug hält. Sie kosten viel und taugen nichts, lautet sein Credo. Vor allem gelte es, den Kapitalismus vor den Kapitalisten zu schützen. Unternehmer seien noch nie Anwälte der Marktwirtschaft gewesen. Im Gegenteil: In der Krise seien sie stets die ersten, die nach dem Staat riefen. Würden sich die Amerikaner also durch riesige Konjunkturprogramme immer weiter verschulden, wäre damit bereits der Grundstein für die nächste Wirtschaftskrise gelegt. Gäbe es hingegen einen allzu schlimmen Einbruch des Konsums in den USA, würde die Weltrezession eher noch verstärkt.

Zurück ins Gleichgewicht

Hanks Fazit lautet: Die Amerikaner müssen weniger konsumieren und mehr sparen. Und der Rest der Welt muss weniger sparen und mehr konsumieren. Nur ein langsamer Anpassungsprozess könne die Weltwirtschaft wieder in ein Gleichgewicht zurückführen - freilich um den Preis einer verlängerten Krise. Dass die USA sich selbst aber wieder am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen werden, steht für ihn außer Zweifel.

Auch mit seiner Schlussthese provoziert Hank noch einmal: Die nächste Krise kommt bestimmt! Sich vor ihr zu schützen habe überhaupt keinen Sinn, denn jede Krise sei anders. Und zu ihr gehöre eben das Chaos der Schumpeter'schen Zerstörung. Vielleicht ist es das, was am meisten an Hanks Buch verstört: die vollkommene Desillusionierung über den Markt und das Fehlen vieler Sicherheiten. Rainer Hank würde sagen, dass genau dies die Freiheit ist, die der Marktwirtschaft innewohnt und sie am Ende auch stark macht. Seine Kritiker würden ihm vorhalten, dass dies viele Menschen überfordert.

Rainer Hank:

Der amerikanische Virus. Wie verhindern wir den nächsten Crash?

Karl Blessing Verlag, München 2009, 240 S., 16,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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