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Elke Kimmel
Unter dem Hammer

Buchmarkt Einst galt die DDR als Leseland mit 78 eigenen Verlagen. Der Verleger Christoph Links hat untersucht, warum nur ein Bruchteil von ihnen überlebt hat

Der Aufbau-Verlag war in den vergangenen Jahren immer wieder in den Schlagzeilen: Zunächst überraschte der Immobilienhändler Bernd Lunkewitz dadurch, dass er tatsächlich Interesse am Verlegen hatte und sich das auch etwas kosten ließ. So sprang er ein, als sich herausstellte, dass "sein" Verlag eigentlich nicht der SED, sondern dem Kulturbund gehört hatte - und zahlte ein zweites Mal. Dann musste er wegen des illegalen Verkaufs von Plusexemplaren vor 1989 vor Gericht: Statt der vereinbarten Anzahl von Lizenzexemplaren druckten DDR-Verlage teilweise die zehnfache Anzahl. Dennoch: Über einige Jahre mauserte sich das Haus zum Vorzeigeobjekt und expandierte gar - eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Der schöne Schein täuschte. Anfang 2008 meldete Lunkewitz Insolvenz an, heute gehört der Verlag dem Kaufmann Matthias Koch. Dies ist nur eine Geschichte, die Christoph Links in seiner umfassenden Untersuchung zum "Schicksal der DDR-Verlage" erzählt.

Der Autor selbst ist Chef des noch während der Friedlichen Revolution gegründeten Verlags, dessen Themenschwerpunkt die DDR-Geschichte ist. Seine Eltern waren beide im DDR-Verlagswesen beschäftigt. Nun hat er sich eines Themas angenommen, das auf den ersten Blick trocken scheint. Tatsächlich aber stecken jede Menge spannender Geschichten in der Entwicklung des Bücherlandes DDR und Links präsentiert einen fundierten Blick darauf. Das Spektrum der recherchierten Verlagsgeschichten reicht vom auf Geografie spezialisierten Räthgloben-Verlag über den Musikverlag Breitkopf & Härtel und den gewerkschaftseigenen Verlag Tribüne bis hin zum traditionsreichen Brockhaus Verlag.

Enteignungen

Zunächst stellt Links die historischen Hintergründe dar. Von der Erteilung der ersten Lizenzen durch die Sowjetische Militäradministration (SMAD) bis zur Enteignung von Verlegern durch das SED-Regime und zur flächendeckenden Kontrolle durch das Ministerium für Kultur schildert Links die Ereignisse. Er zeigt die komplizierten Rechtsverhältnisse, die teilweise dadurch entstanden, dass in den Westen abgewanderte Verleger ihre Tätigkeit dort unter gleichem Label wieder aufnahmen. Eine Reihe von Parallelverlagen entstand so. In den 1950er Jahren enteignete die DDR die in die Bundesrepublik abgewanderten Verleger und reklamierte die Autorenrechte für sich. Die westdeutschen Verleger ihrerseits reagierten mit Boykottaufrufen, die die SED durch Neugründungen zu umgehen suchte.

Die wenigen privaten Verleger, die in der DDR blieben, mussten sich mit den Schikanen der Diktatur arrangieren - beispielsweise damit, dass ihnen nur geringe Papierkontingente zur Verfügung gestellt wurden. Zudem durften Verlage nicht vererbt oder privat verkauft werden. Als Käufer kamen nur die SED, eine der Massenorganisationen oder der Staat in Frage, die allesamt Preise boten, die weit unter dem tatsächlichen Wert lagen. Folgerichtig existierten am Ende der DDR nur noch wirtschaftlich unbedeutende, private Häuser. Andere Verlage gehörten nominell gesellschaftlichen Organisationen, führten ihre Gewinne aber an die SED ab, oder gehörten der SED und wurden durch den Staat verwaltet - die Besitzverhältnisse waren wesentlich unklarer, als dies 1990 auf den ersten Blick schien.

Exporte in den Westen

Links bringt auch die Erfolge zur Sprache: etwa die Tatsache, dass in der DDR jeder Bürger jährlich durchschnittlich acht Bücher kaufte - Stichwort "Leseland DDR". Oder dass einige Verlage bis zu 60 Prozent ihrer Bücher in den Westen exportierten. Ausgehend von solchen Zahlen nahmen selbst Branchenkenner 1989 an, dass die Zukunft der Verlage im vereinten Deutschland keine so düstere sein könnte. Christoph Links zeigt, warum diese Annahme in die Irre führte und legt dabei das Versagen der von der Regierung eingesetzten Treuhänder offen.

Dass die Arbeit der Treuhand einige Mängel aufwies, ist nicht neu - und Links hält sich nicht mit solch pauschalen Feststellungen auf. Statt dessen widmet er sich den Details des Transformationsprozesses. Die Friedliche Revolution bedeutete für die Branche einen kompletten Umbruch: Die Zensur wurde abgeschafft, die Presse- und Meinungsfreiheit eröffnete ungeahnte Möglichkeiten, und Christoph Links war einer von denen, die sie nutzten. Viele Verlage begannen, sich nach West-Partnern umzusehen, aber von diesen waren nur wenige an ernst zu nehmenden Investitionen interessiert: Die Immobilien gehörten den Ost-Verlagen nicht, Eigenkapital war kaum vorhanden und die immateriellen Werte wie Lizenzen und Rechte galten nur für die DDR, die am 3. Oktober 1990 zu existieren aufhörte. Viele kauften, um die Konkurrenz zu schlucken. Besser kamen die Verlage weg, die von Fachfremden wie Lunkewitz gekauft wurden.

Links wirft der Treuhand vor allem vor, dass sie diesen Dynamiken nicht entgegen steuerte, sondern sie dadurch verschärfte, dass sie das Verlagswesen nicht anders als die Chemieindustrie behandelte. Das habe sich schon darin gezeigt, dass man sich nicht einmal bemüht habe, fachkundige Berater einzusetzen - stattdessen entschied ein Bauingenieur über das Wohl und Wehe der Branche. Insbesondere nach der Ermordung Detlef Rohwedders, des ersten Treuhand-Chefs, sei es nur noch darum gegangen, die Verlage zu privatisieren - um buchstäblich jeden Preis.

So sei von der einst blühenden Verlagslandschaft DDR nicht viel übrig geblieben - die traditionsreiche Buchstadt Leipzig rangiere als Standort nur knapp vor Bergisch-Gladbach. Links benennt die Verantwortlichen nüchtern, so dass seine Studie weder zu anklagend noch zu "ostalgisch" geraten ist. Dennoch: Ein differenzierterer Blick auf die Programme der teilweise untergegangenen Häuser wäre hilfreich gewesen. Auch fehlt ein Überblick über die Entwicklung der Branche in ganz Deutschland. Deren rasanter Wandel im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung kommt kaum zur Sprache. Dies sind allerdings lässliche Sünden bei einem Buch, das schon aufgrund seiner unglaublichen Detailkenntnis das Zeug zum Standardwerk besitzt.

Christoph Links:

Das Schicksal der DDR-Verlage.

Die Privatisierung und ihre Konsequenzen.

Ch. Links Verlag, Berlin 2009; 352 S., 24.90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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