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Ralf Hanselle
Die große Erzählung vom Biedermann

GESELLSCHAFT Robert Misik rechnet mit dem Denken der Neokonservativen ab

Der Konservativismus ist eine Männerphantasie. Er predigt den ökonomischen Ernstfall und beschwört die Härte von Wirtschaft und Leben. Er bespöttelt die verweichlichten Peaceniks und tritt ein für eine "schöpferische Zerstörung". Selbst da, wo er von der unsichtbaren Hand der Märkte redet, meint er in Wahrheit nur eine eiserne Faust des Schicksals. So zumindest sieht es der Wiener Publizist Robert Misik. In seinem aktuellen Buch "Politik der Paranoia" ist der Kolumnist zahlreicher deutschsprachiger Tageszeitungen daher ausgezogen, rücksichtslos zurückzuschlagen. Mit Spott und spitzer Feder zielt einer der bekanntesten Kulturlinken der Alpenrepublik dorthin, wo es den sogenannten Neokonservativen nach Meinung Misiks am meisten zwicken muss: in ihre "verunsicherte Männlichkeit". Nicht selten nämlich, so Misik, "erwecken die Konservativen den Eindruck von Muttersöhnchen, die unbedingt einmal etwas aufregendes erleben wollen".

Harter Tobak. Dabei ist es noch nicht lange her, dass "verunsichert" das passende Beiwort für eine in Seenot geratene Linke war. Der Zusammenbruch des Kommunismus und seine hierdurch nach Oben gespülten Schurkereien haben nach 1989 zahlreiche Linke in die politische Obdachlosigkeit getrieben. Doch mit dem 15. September 2008, dem Tag, an dem die Lehman-Bank pleite ging, scheint die Geschichte noch einmal zum großen Wendemanöver ausgeholt zu haben. Für Robert Misik jedenfalls steht fest, dass nun auch für die letzte Großideologie - den Neokonservativismus - das Totenglöckchen geschlagen hat.

Diese Spielart der politischen Rechten habe eine erschütternde Bilanz hinterlassen: Während etwa in der Bundesrepublik die Einkommen der Spitzenverdiener seit 1992 um fast ein Drittel zugelegt hätten, seien die Einkommen der ärmeren Schichten um 13 Prozent gesungen. Während die Lebenserwartung von Kassenpatienten bei 77 Jahren läge, betrüge sie bei Privatpatienten 84. Während Kinder aus gutem Hause die Karriereleiter hinaufrutschten, blieben die Einkommens-Celebrities für die wachsende Unterschicht "geschlossene Gesellschaft". Die Schuldigen sind für Misik schnell bei der Hand: Geschmacksbürger, Hyperbourgeois und neue Spießer, Biedermänner und Marktradikale. Kurz: all die "neurechten Tore", die in den letzten Jahren die Freiheit gegen die Gleichheit ausgespielt hätten. Denn: "Die Einschätzung der Gleichheit ist das wesentliche Unterscheidungskriterium zwischen ,Rechts' und ,Links', zwischen Konservativen und Progressiven."

Grobschnitt

Robert Misik, Träger des Österreichischen Staatspreises für Kulturpublizistik, hantiert mit der ganz großen Schere. Als Autor des vor Jahren erschienenen Buches "Marx für Eilige" ist er Grobschnitt gewöhnt. Sein hier beschriebener Konservativer, er stemmt sich gegen die "Diktatur des Werterelativismus", ist aber zugleich gegen "linken Tugendterror"; er ist für Familie, fühlt sich aber bedroht von "türkischen Familienclans"; er propagiert Deregulierung und ist zugleich gegen die "hedonistische Konsumkultur". Kurz: Er ist ein Paradox und Prügeljunge - ein Abziehbild, das man so oder ähnlich aus Büchern Leon de Winters oder Irving Kristolls herausknibbeln kann.

Und doch - trotz aller Vereinfachungen und trotz aller Überspanntheit: Robert Misik zielt in die richtige Richtung. Denn jede Krise hat einen ideologischen Unterbau, jede Baisse eine narrative Struktur. Falsch wäre es jetzt, die Schuld an den Toren der Banken abzuladen und sich weiter die Hände in Unschuld zu waschen. Misik will verstehen. Er untersucht die bis gestern vorherrschende Ideologie und klopft sie nach ihren Fehlern ab. Dabei aber unterläuft ihm selbst ein Fehler: Er stellt der Erzählung vom Scheitern der Rechten allzu schnell eine vom Wiederaufstieg der Linken an die Seite. Vielleicht aber ist jetzt gar nicht die Zeit für Erzählungen. Vielleicht sind 2.000 Milliarden Dollar - so hoch ist der geschätzte Kapitalbedarf westlicher Banken - einfach mal ein Grund zu schweigen.

Robert Misik:

Politik der Paranoia. Gegen die neuen Konservativen.

Aufbau Verlag, Berlin 2009, 202 S., 17,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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