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Bärbel Brockmann
Drehscheibe Genf

HANDEL Ein Drittel des freien Rohöls wird über die Schweiz transferiert

Die Schweiz verfügt über keinen direkten Meerzugang und besitzt keine eigenen Rohstoffe. Dennoch hat sich rund um die Metropole Genf in den vergangenen Jahrzehnten ein Zentrum des Rohstoffhandels, vor allem mit Rohöl- und Rohölprodukten entwickelt. Genf ist mittlerweile neben Singapur, London und Houston eine der Drehscheiben für Rohöl. Nach Schätzungen der Bank BNP Paribas wird ein Drittel des auf dem freien Markt gehandelten Rohöls über Genf transferiert - etwa 1,5 Milliarden Tonnen im Jahr. Große Handelshäuser haben sich hier angesiedelt, Banken haben sich auf die Handelsfinanzierung spezialisiert und auch Reeder wie den russischen Schifffahrtsriesen Sovchart zog es in die Stadt. Sie alle schätzen deren zentrale Lage in Europa, die wirtschaftliche Infrastruktur, niedrige Steuern und die engen, vertrauensvollen Beziehungen untereinander. Nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung KPMG ist die Schweiz europaweit der attraktivste Standort in Fragen der Steuern und der Steuersicherheit - und Genf besticht zudem wegen seiner niedrigen Kantonalsteuern.

Firmen meiden Öffentlichkeit

Viele der Ölhandelsfirmen sind kaum bekannt. Sie sind nicht börsennotiert und meiden die Öffentlichkeit. Auf ihren Internetseiten sind nicht einmal die Namen der Unternehmenschefs zu finden. Zum Beispiel die Firma Vitol: Seit 1966 handelt das Unternehmen mit Öl. 200 Millionen Tonnen werden nach eigenen Angaben im Jahr bewegt, mehr als 100 Milliarden Dollar damit umgesetzt. Oder die Firma Glencore: Sie setzte 2008 mit Öl, aber auch anderen Rohstoffen 152,2 Milliarden Dollar um und ist damit das umsatzstärkste Unternehmen der Schweiz. Glencore gehört, wie auch Vitol, dem Management und den Angestellten. Über eine Beteiligung an Tochterunternehmen des russischen Ölkonzerns Rosneft des Magnaten Oleg Deripaska hat sich Glencore vor Jahren den direkten Zugang zu russischen Ölquellen verschafft.

Seit dem Ende des Kalten Krieges kommen nach Angaben der Geneva Trading and Shipping Association immer mehr russische Öl- und Handelsfirmen nach Genf. Vor zwei Jahren hat beispielsweise Rosneft dort nach London ihren zweiten Auslandssitz für den Ölhandel. Schätzungen zufolge wird heute rund drei Viertel des russischen Öls über Genf gehandelt. Neben den Ölhändlern haben sich auch internationale Großbanken mit ihrem Rohstoffgeschäft auf Genf konzentriert, darunter außer BNP Parisbas vor allem Credit Suisse und Crédit Agricole. Sie finanzieren den Rohstoffeinkauf, garantieren die Abwicklung einer Transaktion und bieten Schutz gegen Kreditrisiken. Die meisten der Öl-Geschäfte werden angesichts ihres enormen Umfangs fremdfinanziert. Die Ladung eines Öltankers mit einem Fassungsvermögen von zwei Millionen Fass ist zum Beispiel bei einem Ölpreis von 50 Dollar immerhin 100 Millionen Dollar wert. Das Geschäft mit Rohöl ist schwankungsanfällig. Aber es verspricht nach Angaben von Credit Suisse immer noch attraktives Wachstum. Deshalb will sich die Großbank dort noch stärker engagieren und mit den Händlern zusammenrücken. Ende 2008 erweiterte sie ihre Rohstoffplattform durch eine Partnerschaft mit dem Öl-Händler Glencore.

Bärbel Brockmann ist freie Wirtschaftsjournalistin in Köln.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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