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Rainer Wiek
Wie ein Konjunkturprogramm

ERDÖL Der Einbruch der Preise entlastet die Verbraucher in Deutschland um geschätzte 15 Milliarden Euro

Es ist die gute Nachricht in schwierigen Zeiten. Während die taumelnde Weltkonjunktur einen Wirtschaftszweig nach dem anderen in den Abgrund zieht und überall auf der Welt Arbeitsplätze verloren gehen, ist wenigstens Öl wieder billiger geworden. Kostete das Barrel Rohöl Mitte vergangenen Jahres noch Schwindel erregende 150 Dollar, pendelt der Preis in letzter Zeit um die 50 Dollar. Und mit dem Verfall der Rohölnotierungen sind auch die Mineralölprodukte Benzin, Diesel und leichtes Heizöl deutlich billiger geworden. Für den Liter Superbenzin musste der Autofahrer im Sommer 2008 in der Spitze bis zu 160 Cent bezahlen, Anfang April waren es 120 Cent. Beim Dieselkraftstoff ging es in dieser Zeit von 155 Cent auf gut ein Euro runter, und der Heizölpreis hat sich innerhalb eines halben Jahres sogar halbiert.

All das wirkt für den Verbraucher wie ein kleines Konjunkturprogramm. Die Wirtschaftskrise dürfte die Welt noch eine ganze Weile im Griff behalten und die Energiepreise damit zumindest einigermaßen stabil bleiben. Unter dieser Voraussetzung ergeben sich für die privaten Konsumenten in Deutschland allein in diesem Jahr Entlastungen bei den Energiekosten in der Größenordnung von schätzungsweise 15 Milliarden Euro. Dies vor allem, weil die in der Vergangenheit viel kritisierte Ölpreisbindung nun dafür sorgt, dass auch die Gastarife ins Rutschen kommen. Bei vielen Gasversorgern betragen die Abschläge bis zu 20 Prozent. 500 Versorger haben allein für Anfang April oder Anfang Mai niedrigere Tarife angekündigt. Im Sommer könnte es eine weitere Preisrunde geben. Für die von der Wirtschaftskrise besonders arg gebeutelten Amerikaner hat Daniel Yergin, der Vorsitzende der renommierten Cambridge Energy Research Associates (CERA), sogar ein Einsparvolumen in der Größenordnung von 280 Milliarden Dollar allein für dieses Jahr errechnet.

Extreme Schwankungen

Die Preisschwankungen an den internationalen Ölmärkten waren in den vergangenen anderthalb Jahren extrem - extrem vor allem, weil der zunächst zu beobachtende rasante Aufwärtstrend nicht mehr mit fundamentalen Aspekten zu erklären war. "Das, was wir in der Zeit der Hochpreisphase beim Öl gesehen haben, hatte mit Angebot und Nachfrage nichts mehr zu tun", urteilt Rob Routs, Vorstand des britisch-niederländischen Mineralölmultis Royal Dutch Shell. Weder habe der Konsum exorbitant zugelegt, noch sei für die Preisrallye eine nahende Erschöpfung der weltweiten Ölreserven verantwortlich gewesen. Seit 1860, errechnete ENI-Vorstandschef Paolo Scaroni, seien etwa 120 Milliarden Tonnen Öl in der Welt verbraucht worden; auf die Entdeckung warteten hingegen noch 700 Milliarden Tonnen.

Rout und Scaroni sind sich mit vielen Branchenkollegen einig: Die Spekulation hat den Ölpreis in immer neue Höhen getrieben. Infolge des Crashs der Finanzmärkte suchten Milliarden von Dollar neue, lukrative Anlagemöglichkeiten - und fanden diese in den Rohstoffmärkten und vor allem beim Öl. Große internationale Verwalter von Fonds wie Goldman Sachs, aber auch die Chefs großer Energiekonzerne wie Alexeij Miller vom russischen Gasriesen Gazprom setzten immer neue "Fixpunkte": 120, 150, 200, ja sogar 250 Dollar je Barrel lauteten die Prognosen für die Rohölnotierungen, die damit das Wetten auf permanent steigende Preise nur anheizte.

Doch wie immer, wenn sich solch spekulativen Blasen bilden, irgendwann einmal platzen sie. Überall auf der Welt brach die Nachfrage nach Öl ein, und zwar in einem solchen Tempo, dass die großen Agenturen, Behörden und Analyseunternehmen mit den Korrekturen ihrer Verbrauchsprognosen gar nicht so schnell hinterherkamen. So rasant, wie es mit den Preisen nach oben gegangen war, so stark stürzten sie jetzt wieder ab. Auch die OPEC konnte nur machtlos zuschauen. Zwar wurden mehrfach Produktionskürzungen von zusammen über vier Millionen Barrel pro Tag beschlossen. Den Preisverfall konnte das Ölförderkartell damit allerdings nicht stoppen.

Inzwischen sind sich die meisten Experten einig, dass das Zusammentreffen von Kreditklemme, Finanzzusammenbrüchen, eingeschränkter Investitionstätigkeit und rückläufiger Nachfrage kein kurzfristiger Prozess sein wird. Die dem US-Energieministerium angeschlossene Energy Information Agency (EIA) zum Beispiel erwartet, dass die Nachfrage nach Öl in dem weltweit mit Abstand größten Verbraucherland USA in den Jahren bis 2030 nicht mehr steigen wird.

Ähnliche Prognosen gibt es inzwischen auch für Länder wie China, das die Wirtschafts- und Finanzkrise inzwischen ebenfalls zu spüren bekommt. Auch dort wird es in den kommenden Jahren, wenn nicht zu einem Rückgang, dann aber zumindest zu einem stark abgeflachten Wachstum beim Ölkonsum kommen. Die Weltwirtschaft liegt auf der Intensivstation, und es ist nicht absehbar, wann sie als geheilt entlassen wird. Entsprechend schwierig ist es, die längerfristige Entwicklung der Öl- und der Gaspreise vorherzusagen. Nicht nur Nobuo Tanaka, der Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), wünscht sich, dass Öl auf absehbare Zeit so billig bleibt, und die Erdgaspreise in den kommenden Monaten weiter sinken. Er fordert deswegen von der Opec, von einer weiteren Drosselung der Förderung abzusehen. Ein wieder anziehender Ölpreis sei für die Weltwirtschaft jetzt kaum zu verkraften.

Die meisten Branchenvertreter sind sich aber darin einig, dass es nicht bei diesen sehr niedrigen Preisen bleiben wird. "Ich halte ein Preisniveau von 70 bis 80 Dollar je Barrel für realistisch", sagt etwa Uwe Franke, der Vorstandschef der Deutschen BP. Allerdings ließ der BP-Manager offen, bis wann der Preis nach seiner Einschätzung wieder auf dieses Niveau klettern wird. ENI-Chef Scaroni macht sich schon für eine konzertierte Aktion der Branche zur Preisstabilisierung stark. Scaroni schwebt dabei ein Niveau von mindestens 60 Dollar vor.

Investitionen auf dem Prüfstand

Mit zu billigem Öl sei niemandem geholfen, behaupten die beiden Ölmanager. Denn dann investierten die Ölkonzerne nicht mehr genügend in den Aufschluss neuer Vorkommen, mit der Folge, dass es bei einem Anspringen der Weltwirtschaft schnell zu einem Engpass und wieder zu steil steigenden Preisen kommen werde. Tatsächlich stellen immer mehr Unternehmen aus der Öl- und Gaswirtschaft große Investitionen inzwischen auf den Prüfstand. "Wir hören fast jeden Tag, dass wieder ein Projekt verschoben wird", erklärte Fatih Birol, Chefvolkswirt der Energieagentur IEA. Royal Dutch Shell hat Entscheidungen über besonders kapitalintensive Entwicklungsvorhaben wie dem kanadischen Ölsandprojekt Carmon Creek erst einmal zurückgestellt. Besonders hart getroffen von Finanzkrise und Ölpreisverfall ist die russische Öl- und Gasbranche. Gazprom quälen Auslandsschulden in der Größenordnung von 50 Milliarden Dollar. Aber auch Rosneft und Lukoile leiden unter massivem Geldmangel.

Noch sieht es indessen nicht so aus, als würden die Ölpreise so schnell wieder anziehen. Der Ölhunger der Welt wird in der Krise immer geringer. Selbst, wenn es wirklich zu einer Erholung der Weltkonjunktur kommt, müssten erst einmal die Ölbestände verbraucht werden. Längerfristig gesehen kann Öl allerdings nicht so günstig bleiben wie heute. Die Weltbevölkerung wächst und benötigt mehr Energie. Trotz der enormen Reserven ist Öl aber ein endlicher Energieträger, dessen Vorräte irgendwann knapp werden. Springt die Wirtschaft wieder an, und wird mehr Energie verbraucht, werden die Ölnotierungen anziehen. Für diese Phase gelten Rohölpreise um die 80 Dollar als wahrscheinlich.

Rainer Wiek ist Chefredakteur des "Energie-Informationsdienstes".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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