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Werner Sturbeck
Doppeltes Minus

EISENERZ Stahlhütten wollen nicht ins Bergbaugeschäft

Fünf Jahre lang bis zum vergangenen Herbst haben sich Erze rapide verteuert. Das Jahrzehntelang günstig verfügbare Eisenerz wurde für deutsche Stahlhütten zu einem schwerwiegenden Faktor sowohl bei den Kosten als auch bei der Kalkulation der Verkaufspreise. Aber als im Spätsommer 2008 die globale Stahlproduktion in die Krise rutschte, brach gleichzeitig auch das Geschäft der Bergwerke ein.

Das ein halbes Jahrzehnt kraftstrotzende Bergbauoligopol, die beiden australisch-britischen Erzriesen BHP Billiton und Rio Tinto sowie die brasilianische Vale, geriet in dem abrupten Absatzeinbruch vor allem wegen hoher Finanzschulden in Not. Deshalb sind im Augenblick Bergbaubeteiligungen zu Sonderangebotspreisen zu haben. Die Volksrepublik China nutzt die Gunst der Stunde und investiert in großem Stil. Diese Strategie, sich in der Baisse um die Sicherung der Rohstoffversorgung zu kümmern, ist Wasser auf die Mühlen all derer, die der Stahlindustrie zur eigenen Erzversorgung raten.

Aber die Stahlproduzenten haben im Augenblick ganz andere Sorgen. Fast alle Stahlhersteller arbeiten mit Verlust. In dieser schwierigen Lage halten die Unternehmen lieber ihre Liquidität zusammen. Selbst Weltstahlmarktführer Arcelor-Mittal, der in den zurückliegenden Jahren aus strategischen Gründen seine Rohstoffversorgung stetig ausgebaut hatte, tritt trotz der inzwischen wesentlich günstigeren Preise zurzeit nicht als Käufer von Bergwerken auf. Die Schärfe dieser Krise ist aber nicht allein der Grund, warum deutsche Stahlhütten keine Ambitionen zeigen, in das Bergbaugeschäft einzusteigen. Selbst die Preissprünge vor dem Geschäftseinbruch haben die deutschen Hochofenbetreiber etwa in Duisburg, Salzgitter oder Dillingen nicht von ihrem Grundsatz abgebracht, das Rohstoffgeschäft ausschließlich den Spezialisten zu überlasse. Die nun bei Minenbetreibern und Hütten einmal mehr gleichzeitig aufgetretenen Ertragsprobleme bestätigen diese Strategie nur.

Der Werkstoff Stahl wie die zu seiner Herstellung erforderlichen Rohstoffe sind Massengüter mit parallelen, starken Zyklen. Im Stahlboom verdient auch der Erzlieferant gut. In der Baisse leiden beide Seiten. Bei den in Krisen üblichen Preiskämpfen kann der Stahlhersteller mit eigenem Eisenerzbergwerk zwar einen Produktionskostenfaktor niedrig halten. Aber das ist nur ein scheinbarer Vorteil.

Denn in Krisenzeiten sind auch für den Wettbewerber die Einkaufspreise für Erz niedrig. Der Stahlkonzern ohne eigene Erzproduktion hat in seiner Konzernrechnung dann nicht zusätzlich auch noch Verluste aus einem Bergbauengagement zu verkraften.

Werner Sturbeck ist Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in Düsseldorf.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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