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Parlamentarisches Profil
Nicole Alexander
Konsequent im Richtungsstreit: Winfried Nachtwei

Im Berliner Bundestagsbüro von Winfried Nachtwei herrscht kreatives Chaos: Auf seinem Schreibtisch türmen sich Unterlagen, auf dem Besuchertisch und in den Regalen stapeln sich die Bücher. "Ich bin halt ein Vielschreiber", sagt der sicherheits- und abrüstungspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion lächelnd. Ein Vielschreiber, der weiß, dass das, was er zu Papier bringt, auch gelesen wird.

Seine akribischen Berichte etwa über die Lage in Afghanistan und den Stand des dortigen Nato-Einsatzes werden weit über seine Fraktion hinaus geschätzt. Das liegt auch daran, dass kaum ein Bundestagsabgeordneter das Land aus eigener Anschauung so gut kennt wie Nachtwei. Zwölf Mal war der 63-Jährige, der im Verteidigungsausschuss sitzt, in den vergangenen Jahren am Hindukusch. Und was er dort gesehen und erlebt hat, findet er alles andere als beruhigend.

"Ich habe schon im Herbst 2006 gesagt, dass der Erfolg des Afghanistan-Einsatzes auf der Kippe steht", sagt der frühere Geschichtslehrer nachdenklich. "Und im vergangenen Jahr hat sich die Negativdynamik noch verschärft. Die ersten Jahre, die immer die größten Chancen bei einem solchen Einsatz bieten, sind verspielt worden. Ob wir vor diesem Hintergrund aus dem Schlamassel wieder herauskommen, kann man noch nicht sagen."

Hier spricht keiner, der Auslandseinsätze per se ablehnt. Nachtwei hat im Dezember 2001 für das ISAF-Mandat gestimmt - nach schlaflosen Nächten und teils heftigen Diskussionen. Auch heute noch hält er seine Entscheidung grundsätzlich für richtig. Gerade deshalb treibt ihn die Situation in dem Land und der dort eingesetzten Bundeswehrsoldaten um. Man spürt: Hier nimmt einer die politische Verantwortung, die er mit seiner Stimme für den Einsatz übernommen hat, sehr ernst.

Das hat natürlich auch mit Nachtweis bewegter politischer Vergangenheit zu tun. Nach anfänglicher Neigung zur CDU machte der Leutnant der Reserve eine "Phase der Linksentwicklung bis -radikalisierung durch", wie er das nennt. Aus Protest gegen den Umgang der Konservativen mit der Studentenbewegung, den Vietnamkrieg und die Lateinamerika-Politik der USA schloss er sich Anfang der 1970er Jahre dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands an.

Lange hielt er es dort nicht aus, zu diktatorisch waren ihm die internen Machtstrukturen. Auch inhaltlich gab es immer mehr Differenzen. Seine neue politische Heimat fand er Ende der 1970er Jahre in der Friedensbewegung, in seiner Heimatstadt Münster gründete er die Grünen mit. Geblieben ist ihm aus seiner "revolutionären" Zeit eine heftige Abneigung gegen Vereinnahmungsversuche jeglicher Art. "Ich weiß, dass ich empfänglich bin für gruppendynamische Prozesse", gibt er selbstkritisch zu. "Deshalb habe ich bei den Grünen immer versucht, Distanz zu den so genannten Flügeln zu halten."

So ganz gelungen ist ihm das freilich nicht. In gewisser Weise ist er repräsentativ für jene Gruppe von Grünen um den damaligen Außenminister Joschka Fischer, die ihr grundsätzliches Eintreten für Gewaltfreiheit auf schmerzhafte Weise mit der Realität der Regierungsverantwortung konfrontiert sah und 1999 nach langem Ringen eine deutsche Beteiligung am völkerrechtlich umstrittenen Kosovokrieg befürwortete. Als einen Verrat an den ursprünglichen Überzeugungen der Partei sieht Nachtwei das aber nicht: "Es gibt Brüche bei den Grünen, was Gewalt und Militäreinsätze angeht, das ist richtig. Es gibt aber auch enorme Kontinuitäten, die allerdings in der Regel gar nicht wahrgenommen werden. Etwa das Beharren darauf, dass Sicherheits- und Friedenspolitik eine gewaltvorbeugende sein muss. Und für Gewaltprävention braucht man eben entsprechende Fähigkeiten."

Ziviler Friedensdienst, Friedensförderung von unten, Aktionsplan Krisenprävention: Für Nachtwei sind solche Ansätze einer zivilen Konfliktlösung der Schlüssel zu einer nachhaltigen Sicherheitspolitik. Und man darf davon ausgehen, dass er sich weiter auf diesem Politikfeld betätigen wird. Zwar hat er sich entschieden, nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren. Aber Ruhestand - "den gibt es garantiert nicht".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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