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Claudia Heine
Gegen den Zeitgeist

Biografie Tilmann Lahme präsentiert Golo Mann als einen eigenwilligen Wanderer durch viele Labyrinthe

Das ist eine blöde Geschichte von lang anhaltenden schändlichen Folgen." Damit meinte Golo Mann nicht etwa seine zahlreich erlebten Zurücksetzungen durch den berühmten Vater Thomas Mann, die ihn ein Leben lang verfolgten. Nein, er leitete damit ein Kapitel seiner "Deutschen Geschichte" ein - ausgerechnet jenes über die Gründung des Deutschen Reiches 1871. Die stilistische Provokation gerade an dieser Stelle war gewollt.

Dem Historiker Golo Mann, geboren 1909, ging es darum, dem mythisch-überhöhten Stil in der Tradition des deutschen Historismus seinen kritisch abwägenden entgegen zu setzen. So heißt es in Anspielung auf die Gründungszeremonie in Versailles: "Wenn eine Nation einen Staat gründen will, dann soll sie es bei sich zu Hause vornehmen. Es jenseits der eigenen Grenzen, im Prunkschloss des Nachbarn zu tun, auf seine Kosten, ist ein ungeschickter Anfang."

Seine stilistische Brillianz setzte auch den Mut voraus, historische Stoffe literarisch zu erzählen. Denn das war 1958, dem Erscheinungsjahr der Deutschen Geschichte, völlig neu. Entsprechend heftig fielen die Reaktionen der Würdenträger seiner Zunft aus, die ihm eine unhistorische Herangehensweise attestierten. Neu war auch sein Ansatz, zwar eine nationale Geschichte schreiben zu wollen, aber diese nicht nur auf Politikgeschichte beschränkt zu sehen. Sie sollte ebenso eine Geschichte der Ideen, der Mentalitäten wie der Kultur sein. Gegen nationalstaatliche Verengung in der Wissenschaft setzte er seine europäische Perspektive: "Deutsche Geschichte kann heute nur sein: europäische Geschichte mit deutscher Akzentuierung schreiben."

Unbequeme Fragen

Mit diesen Ansätzen schwamm Golo Mann gegen den Wissenschaftsstrom seiner Zeit und setzte dennoch Maßstäbe. Die Deutsche Geschichte wurde vor allem von jungen Lesern begeistert aufgenommen. In einer Zeit, in der sich die bundesdeutsche Gesellschaft ganz dem Wirtschaftswunder hingab, fanden die geschichtshungrigen Jungen hier jene unbequemen Fragen, die die Eltern nicht stellen wollten. "Können Friede, Glück, Gerechtigkeit errichtet werden auf den Gebeinen von sechs Millionen ermordeten Juden? Was sollen wir von der Geschichte, von Gott selber denken, wenn danach das Leben behaglich weitergeht? Wenn jene, die diese Untaten doch praktisch möglich machten (...) heute wieder unter den Mächtigen sitzen (...) Das ist ein arges Labyrinth."

Ein Labyrinth war diese jüngste deutsche Geschichte aber auch für Golo Mann persönlich. Und es ist das Verdienst des jungen Historikers Tilmann Lahme, dieses Labyrinth aus Zweifeln und einem starken Geltungsbedürfnis, mit Sympathie und kritischer Distanz zu schildern.

Sehr spät erst schaffte es Golo Mann, sich aus der ihm zugefallenen Rolle innerhalb der Familie zu lösen. Der ernsthafte und menschenscheue Golo galt als schwieriges, unzugängliches Kind und litt seit seiner Jugend an einer nicht richtig behandelten Depression. So notierte Mutter Katja 1927 erleichtert, der "niederdrückende Hausgenosse" Golo werde sie nun bald verlassen.

Die Position in der Familie

Mit Beginn seines Philosophie- und Geschichtsstudiums und der Promotion bei Karl Jaspers veränderte sich seine Stellung in der Familie. Als einziges Kind mit akademischer Ausbildung arbeitete er sich während der Exiljahre zum wichtigsten Berater seines übermächtigen Vaters hoch. Eine liebevolle Vater-Sohn-Beziehung konnte man das Verhältnis zwar nie nennen. Zu tief saßen die seelischen Verwundungen der Kindheit und Jugend. Doch respektierte ihn der Vater nun als "Gelehrten"; Golo hatte damit eine neue Rolle innerhalb der Familie gefunden.

Glattes politisches Parkett

1933 ausgebürgert, kehrte er nach 1945 nur sehr zögerlich in seine alte Heimat zurück. An dem Unvermögen einer tieferen Wiederannäherung litt er wie die meisten Emigranten. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft schien für Mann ein Labyrinth zu sein, in dem er sich mitunter verlief, vor allem, wenn er sich in politische Debatten einmischte. So schwamm er gegen den Zeitgeist an, als er bereits in den 50er Jahren zum Vorkämpfer der Ostpolitik Willy Brandts wurde.

Und ebenso Ende der 70er Jahre, als er zwar den Rücktritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger rechtfertigte. Dieser hatte als Marinerichter noch kurz vor Kriegsende Todesurteile gefällt. Er beklagte jedoch gleichzeitig eine Hetzkampagne gegen Filbinger und begründete sein politisches Engagement auf doch recht seltsame Weise: "I was always for the underdog, und Filbinger war der underdog in diesen Wochen", schrieb Mann. Und weiter: "So war ich für die armen deutschen Sozialdemokraten in den frühen 30er Jahren, und wieder in den 50er Jahren, und so bin ich heute nicht mehr für sie, denn sie sind ja nun wahrlich the underdog nicht mehr." Mit diesem Motiv rutscht man auf politischem Parkett schnell von der einen in die andere Richtung. Auf historischem Parkett bewies Mann zweifellos größere Sicherheit.

Lahme rekonstruiert die Biografie mit all ihren Bruchstellen als Historiker und nicht als Voyeur. Das Ergebnis ist ein überaus lesenswertes Porträt dieses eigenwilligen Denkers und einer Epoche - mit nur nötigen Abschweifungen ins Private. So dient auch die Thematisierung der Homosexualität Golo Manns vor allem der Schilderung des ressentimentgeladenen Klimas, in dem sich Schwule in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft bewegten.

Tilmann Lahme:

Golo Mann. Biographie

Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2009 553 S., 24,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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