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Jörg von Bilavsky
Kleinbürgerliche Kundschafter

STASI Ein Buch über den DDR-Geheimdienst mit nur wenigen neuen Erkenntnissen

Wir haben ihn alle noch vor Augen. Den unscheinbaren Mann in seinem grauen Anorak, wie er auf dem kargen Dachboden verharrt und mit seinem wuchtigen Abhörgerät das "Leben der Anderen" ausspioniert. Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler, faszinierend gespielt von dem Schauspieler Ulrich Mühe. Ebenso faszinierend wie abschreckend erschien uns aber auch die Arbeitsweise der Staatssicherheit, von der die meisten Deutschen anscheinend erst durch den Kinofilm erfuhren. Dabei lieferten zahlreiche Enthüllungsgeschichten, Ausstellungen, Memoiren und Studien längst genügend Aufklärungsmaterial. Es bedarf wohl immer wieder des dramatischen Kicks, damit die Menschen das ganze Ausmaß der Stasi-Machenschaften bewusst wahrnehmen.

Blick in die Forschungslabors

Deswegen konzentriert sich Kristie Macrakis ganz gezielt auf "das Spionagespiel, seine Methoden und Quellen und auf seine Techniken". Sodass auch "Spionagefans, die von der Geheimniskrämerei um Formeln für unsichtbare Tinten ... frustriert sind" ebenso auf ihre Kosten kommen wie die Liebhaber von James Bond-Romanen. Die Professorin für Wissenschafts- und Spionagegeschichte in Atlanta erzählt nicht nur von den abenteuerlichen Aktionen ostdeutscher und westdeutscher Stasiagenten, die aus Geldgier, Überzeugung oder unter Zwang herumschnüffelten. Sie wagt auch einen Blick in die geheimen Forschungslabors und Werkstätten des Geheimdienstes, den sogenannten Operativ-Technischen Sektor (OTS). Nach Berlin-Hohenschönhausen, wo Hunderte von Spezialisten Haarsprays in Tarnbehälter verwandelten, Geheimtinten mixten und klitzekleine Kameras in Büstenhalter oder Filzstifte einbauten. Dem Einfallsreichtum dieser "Kreativ"-Abteilung waren keine Grenzen gesetzt und man staunt nicht schlecht, wie viel Geld, Personal und Zeit das Auskundschaften innerer und äußerer Feinde verschlungen hat.

Weniger verwunderlich ist, dass die Stasi im "kapitalistischen Ausland" vor allem Rüstungsbetriebe wie Messerschmidt-Bölkow-Blohm und Computerfirmen wie Siemens oder Texas Instruments unterwanderte. Überraschend bleibt hingegen, dass sie mithilfe der geklauten Schaltpläne oder illegal eingekaufter Mikrochips keine konkurrenzfähigen Produkte entwickeln, geschweige den die Staatswirtschaft ankurbeln konnte. Diesen Widerspruch erklärt die Autorin ebenso wenig, wie sie Antworten auf die Frage gibt, welche Schäden der Geheimnisverrat in westlichen Unternehmen angerichtet hat. Auch weshalb sich in der angewandten Spionagetechnik angeblich die "Kleinbürgerlichkeit der Kultur" spiegelte, wird nicht klar.

Fehlende Orientierung

Vor allem aber dreht sich die Wissenschaftlerin mit ihren wenig wirklich überraschenden Erkenntnissen permanent im Kreis. Gebetsmühlenartig wiederholt sie, welch zentrale Bedeutung die Wissenschaftsspionage hatte und wie selten die Akteure enttarnt und nach dem Mauerfall verurteilt wurden. Dann wiederum verliert sie ständig den roten Faden, wenn sie mit Reportagen und Exkursen die Stasi-Geheimnisse lebensnah enthüllen möchte. Die bürokratischen Strukturen der Stasi erscheinen so bei ihr noch verwirrender als sie ohnehin schon waren. Ganz abgesehen davon, dass häufige Zeitsprünge die historische Orientierung und Einordnung des Erzählten erschweren. Eine stilsichere Übersetzung hätte außerdem verhindert, dass vom "Überlaufen" eines Agenten geredet wird und ein gründlicher Lektor hätte vermutlich entdeckt, dass man das Stasigefängnis in Berlin-Hohenschönhausen nicht über den U-Bahnhof "Magdalenastraße" erreicht. Trotz manch spannender Details sind die stilistischen und systematischen Mängel unübersehbar. Wollte man den Informationsgehalt ihres Buches nach Stasi-Maßstäben bewerten, wäre es auf einer Skala von 1 (hoch) bis 5 (niedrig) mit einer 3 noch gut bedient.

Kristie Macrakis:

Die Stasi-Geheimnisse. Methoden und Technik der DDR-Spionage.

Herbig Verlag, München 2009; 463 S., 24,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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