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Aschot Manutscharjan
Das Feindbild vom Flüchtling

DDR Das Buch erzählt vom perfiden DDR-Grenzregime der Jahre 1952 bis 1965

Halt! Hände hoch!" Sollte die verdächtige Person, also der "Grenzverletzer", nach dieser Aufforderung seinen Fluchtversuch fortsetzen, war der DDR-Grenzpolizist angehalten, "von der Schusswaffe (...) Gebrauch zu machen". 1954 wurde die erste Anordnung des neuen Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze von 1952 bestätigt. Gemäß DDR-Propaganda sollte die Grenze für die Feinde des Sozialismus undurchdringlich sein. Tatsächlich sperrte die DDR die Menschen im eigenen Herrschaftsbereich in einen streng bewachten Freiluft-Käfig. Wer sich hinaus wagte, war zum Abschuss freigegeben. Die Instruktionen für die Grenzpolizei hielten dies unmissverständlich fest

Verachtung für Menschenleben

In der Reihe "Militärgeschichte der DDR", herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, liegt jetzt Band 17 über die Grenzpolizisten in der DDR vor. Zur guten Tradition der Reihe gehört die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus anderen Institutionen. So veröffentlichte der Historiker Gerhard Sälter, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung beziehungsweise Gedenkstätte Berliner Mauer tätig ist, den vorliegenden Band. Der Zweck der 2008 gegründeten Stiftung ist es, die Geschichte der Berliner Mauer und der Fluchtbewegungen aus der DDR zu dokumentieren, zu vermitteln und ein würdiges Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft zu gewährleisten. Nach sieben Jahren Arbeit in Archiven und Bibliotheken präsentiert Sälter das komplexe System des DDR-Grenzregimes bis 1965: das Rekrutieren des Personals, die Normen des Dienstalltags, die sozialen Beziehungen, den Aufbau des Politapparats und die Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS).

Besonders interessant sind die Normen, die den Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge regeln. Lesenswert sind auch die Dokumente, die in klarem Bürokraten-Deutsch die Verachtung des SED-Regimes für Menschenleben zeigen: "Bei Grenzverletzern, die sich in dem 10 m-Kontrollstreifen befinden und der Aufforderung, stehen zu bleiben, nicht nachkommen, ist ohne Warnschuss von der Waffe Gebrauch zu machen." Das besondere Verdienst des Autors besteht darin, zu erklären, wie das SED-Regime aus einem "normalen" Rekruten einen potenziellen Todesschützen machte. Schließlich waren die Ostdeutschen, die in der DDR-Diktatur lebten, nicht "gehorsamer" als Westdeutsche oder andere Europäer. Ausführlich erläutert Sälter die Techniken und Mechanismen der Indoktrination und Disziplinierung, die Gehorsamerzwingung sowie das System von Sanktionen und Beeinflussung durch den Gruppenzwang. Vor allem aber entfremdete der militärische Charakter des Dienstalltags und ihre Kasernierung die DDR-Grenztruppen von den zivilen Umgangsformen der Polizei. Bei der "Erziehung" der Grenzer legte die SED neben der Bereitschaft zu töten besonderes Gewicht darauf, ihnen das Feindbild vom Flüchtling einzuprägen.

Innenleben der Grenztruppe

Spannend sind auch die Berichte des MfS über die Kontakte der DDR-Grenzer mit West-Berlinern oder Westdeutschen, die den Wächtern Zigaretten, Schokolade, Zeitungen, Alkohol und andere "Genussmittel" zusteckten. Es kam sogar vor, dass Grenzer in westliche Kneipen hineinspazierten, um einen Schnaps oder ein Bier zu trinken. Wegen ihrer regelmäßigen Kontakte mit Westdeutschen musste 1965 eine ganze Kompanie von der Grenze abgezogen werden.

Bislang sind zahlreiche Bücher über die DDR-Grenze erschienen, darunter auch die beschönigenden Erinnerungen ehemaliger Grenzoffiziere. Mit "Grenzpolizisten" liegt jetzt eine erste wissenschaftlich fundierte Studie vor. Zu Sälters Verdiensten gehört es zweifellos, dass er nicht nur das Grenzregime unter die Lupe nimmt, sondern auch das Innenleben der sogenannten "Helden der Grenze".

Gerhard Sälter:

Grenzpolizisten.

Ch. Links Verlag, Berlin 2009; 496 S. 34,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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