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Nicole Tepasse
»Aus Nahrung Energie zu machen, ist für mich eine Sünde«

ENERGIEWIRT Max Ketelsen aus dem schleswig-holsteinischen Emmelsbüll-Horsbüll setzt seit 15 Jahren auf erneuerbare Energie als Einnahmequelle

Vier Windkraftanlagen und ein 21 Hektar großer Solarpark in Emmelsbüll-Horsbüll an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, das ist die Welt des Max Ketelsen. Norddeutsch spröde erzählt er, wie zu seinem landwirtschaftlichen Betrieb die Energieproduktion dazu gekommen ist. 25 Jahre lang war Ketelsen "einfach Landwirt", wie er sagt. Und Getreideanbau und Schweinezucht seine Einnahmequellen. Sein Problem: Genug Geld ließ sich damit nicht mehr verdienen. Also übernahm sein Sohn 1985 den landwirtschaftlichen Betrieb und Ketelsen senior begann seine Überlegungen umzusetzen, aus Wind Energie zu gewinnen. Die Lage an der Westküste der Nordsee war dafür ideal und weil Ketelsen ein Mann weniger Worte, dafür der Tat ist, wurde er vom Landwirt zum Energiewirt.

18.000 Module

Das war vor 15 Jahren. Rund 10 Jahre später folgte dann der zweite Schritt. "Nach der Idee mit dem Wind, kam dann die mit der Sonne", sagt Ketelsen. Und der Ärger mit den Nachbarn. 2004 stellte er einen Antrag für eine 5,24 Megawatt große Solaranlage auf 21 Hektar Land. Die Nachbarn befürchteten, dass die 18.000 Module auf der Wiese gegenüber die Sonne zu stark reflektieren und sie blenden würden. Auch eine Lärmbelästigung durch den durch die Anlage pfeifenden Wind führten sie als Argument gegen die Anlage an. Ohne Erfolg. Die Anlage wurde genehmigt. Heute steht sie und die komplette Energie, die sie produziert, geht an Eon und wird in das öffentliche Netz gespeist. "Geblendet wird keiner und Lärm macht das Ding nicht", erzählt Max Ketelsen.

Für die Bundesregierung ist Ketelsen ein "Energieriese". So nennt sie auf Plakaten diejenigen, die zusätzlich zu ihren landwirtschaftlichen Betrieben in erneuerbare Energien investieren. Zu sehen ist auf den Plakaten ein Mann in blauem Seemannspullover, grüner Hose, die Hände in die Seite gestemmt und ein Grinsen im Gesicht. Dazu der Text: "Investitionen in Bio-Energie sind wichtig für eine Zukunft nach dem Öl. Die Förderung technologischer Innovationen auf diesem Gebiet sichert die Energieversorgung, schont die Umwelt und schafft neue Arbeitsplätze." Der Bundesregierung helfen die Riesen, den Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Stromverbrauch bis 2020 auf mindestens 30 Prozent zu erhöhen. Bis 2030 soll rund die Hälfte des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, so das Ziel der Regierung.

Schon seit 1991 wird die Einspeisung erneuerbarer Energie in das öffentliche Stromnetz gefördert. Im Jahr 2000 trat das Erneuerbare Energien Gesetz in Kraft, das seitdem bereits zweimal novelliert wurde und seit dem 1. Januar 2009 nicht mehr nur erneuerbare Energie zur Strom-, sondern auch zur Wärmeerzeugung in die staatliche Förderung einschließt.

Zusätzliches Standbein

Geht man davon aus, dass das Ziel der Bundesregierung erreicht wird, den Endenergieverbrauch bis 2020 um 11 Prozent gegenüber 2005 zu senken, können die erneuerbaren Energien in Schleswig-Holstein rechnerisch rund 52 Prozent des Endenergieverbrauchs decken, rechnet Claudia Viße, Referentin im Umweltministerium des Bundeslandes, vor. "Das ist knapp dreimal so viel wie das Ziel, das die Bundesregierung für Deutschland insgesamt verfolgt", betont Viße. Sie weiß, dass viele Landwirte in der Regel nicht komplett auf die Erzeugung erneuerbarer Energien umsteigen, sondern sich mit ihnen ein weiteres Standbein schaffen wollen. "Vielfach nutzen Landwirte einen Mix der drei regenerativen Energiequellen Wind-, Sonnen- und Bioenergie", berichtet sie. Im nördlichsten Bundesland war der Anteil der Windenergie an den regenerativen Energien 2006 mit 56,1 Prozent am größten, Biomasse lag mit 31,7 Prozent auf dem zweiten Platz. Der Anteil der Solarenergie liegt heute bei 1,4 Prozent.

Über die Möglichkeit, Energie aus Biomasse zu gewinnen, hat auch Max Ketelsen vor Jahren nachgedacht. "Ich war aber skeptisch, weil man immer hörte, dass das Probleme geben könnte, wenn in dem Klärschlamm Bakterien entstehen", erinnert er sich, "ich hatte ja schließlich auch eine Schweinezucht." Und eine solche Anlage mit Getreide speisen? "Das ist für mich eine Sünde, wo doch auf der ganzen Welt Menschen hungern. Da können wir doch nicht aus Nahrung Energie machen."

Einige seiner Nachbarn wollen es Ketelsen gleichtun und erkundigen sich mittlerweile bei ihm, wie seine Solaranlage funktioniert. Wenn sich genug Nachbarn entscheiden, kann die Gemeinde Emmelsbüll-Horsbüll vielleicht sogar in die Solar-Bundesliga (www.solarbundesliga.de) aufsteigen. Angeführt wird die Tabelle derzeit von der Gemeinde Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog, ebenfalls in Schleswig-Holstein, die bundesweit die meisten Anlagen für Solarstrom und -wärme zählt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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