Inhalt

Annette Zinkant
Die Auswanderer kommen

Reportage Für den Traum vom Glück auf dem Dorf hat Familie Philips aus Bonn viel investiert

Achtzig Einwohner hat Locksiefen. Drei davon stehen gerade mitten auf der sonnigen Kreuzung im Dorf und plaudern. Die beiden älteren Damen und der Herr nicken höflich-reserviert, als Susanne Philips die Straße entlang kommt und grüßt. Sie hat sich viele Gedanken gemacht, wie die "Einheimischen" wohl reagieren, wenn eine "Fremde" aus der Stadt hierher zieht und ob diese Einheimischen überhaupt mit ihr reden. Susanne Philips ist etwas schüchtern, aber eine gute Nachbarschaft soll ja Teil ihres neuen Lebens werden, also stellt sie sich dazu und erklärt, wer sie ist. Dass sie das alte Fachwerkhaus von Ilse Waldhans gekauft hat und dass sie mit ihrer Tochter, deren Mann und ihren zwei Enkelinnen bald einziehen wird. Hände werden geschüttelt, aus Höflichkeit wird Herzlichkeit.

Eine der beiden Damen ist Renate Bischoff, die vor 42 Jahren aus dem Nachbardorf nach Locksiefen eingeheiratet hat. Sie sagt, sie hätte schon längst mal vorbeischauen wollen, um zu sehen, wie es jetzt aussieht in dem alten Haus von Ilse Waldhans. Leider, und jetzt bricht ein wenig die Stimme, sei ihr Mann vor kurzem tödlich verunglückt. Susanne Philips beeilt sich, ihr Mitgefühl auszusprechen, Renate Bischoff lächelt wieder, und aus der Begegnung auf der Dorfstraße könnte eine gute Nachbarschaft werden, ein Miteinander, so wie Susanne Philips sich das wünscht.

Das alte Fachwerkhaus am Rand des Dorfes ist noch eine Baustelle: Kabelstrippen wuchern aus den Wänden, Fußböden müssen verlegt oder gestrichen werden. Es fehlen: Toiletten, Badewannen, Waschbecken und eine Küche. Schwiegersohn Jan kniet zusammen mit Susannes Ex-Mann auf dem Boden, sie hantieren mit einer Wasserwaage. Wann wollen sie noch mal einziehen?

Ach, das seien jetzt nur noch Kleinigkeiten, sagen die Männer und grinsen. Susanne streicht über die verputzten Wände. Noch ein paar Wochen und dann! Dann lassen sie die Stadt hinter sich und ziehen hierher - ins "Windecker Ländchen", in den tiefen Südosten von Nordrhein-Westfalen, wo Locksiefen wie hingetupft auf einem Hügel liegt, zwischen Wiesen und Wald. Keine Kirche, kein Einkaufsladen, keine Dorfschänke. Das Dorf, das sind verklinkerte Einfamilienhäuser, alte Höfe, üppige Gärten. Es gibt einen Briefkasten, der einmal täglich geleert wird. Und viel Himmel. Das war's dann auch schon.

Andere Wege gehen

Und doch ist Locksiefen der Lebenstraum einer Familie. Die Sehnsucht nach einem einfachen Leben auf dem Land hat Susanne Philips hierher geführt, das Bedürfnis nach Ruhe, nach Nähe und Natur. Die Tochter Maggie und ihr Mann Jan, beide noch unter 30, kommen mit. Die vierjährige Maja und die zweijährige Leila sollen im Grünen aufwachsen, zusammen mit der Oma. Jan ist Maler und will in der alten Scheune später ein Atelier einrichten, vielleicht Kunstkurse geben und Maggie, gelernte Schreinerin, wird im Herbst nach Siegen pendeln, um dort die Schauspielschule zu besuchen. Die kleinen Mädchen sind schon im Kindergarten im Nachbarort angemeldet. Für sie alle ist das hier mehr als ein Umzug, es ist wie Auswandern, ein Neubeginn, ausgelöst von dem Wunsch nach Freiheit, danach, andere Wege zu gehen als die betonierten Straßen der Stadt.

"Ich hatte mir anfangs so ein Dorfglück auf der Wiese zwischen Eselchen und Schäflein unter einem Apfelbaum vorgestellt und alle halten Händchen". Susanne Philips lächelt milde über sich selbst. Wie naiv. Das vergangene Jahr war eine Feuerprobe für die Familie: Schulden, Baustelle, Familienkrach und die Unsicherheit, ob das alles eine gute Idee war. Begonnen hatte es damit, dass Susanne Philips mit 50 Jahren nicht so weiter machen wollte wie bisher. Die Logopädin hat früher in Griechenland gelebt, ist von dem griechischen Ehemann lange geschieden, war alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern. Eines Tages saß sie in ihrer Bonner Wohnung, die Kinder erwachsen und aus dem Haus, sie fühlte sich einsam. Die Stadt, Kulturangebote, Kneipen, Restaurants - kein Trost.

Zunächst schloss sie sich einer Gruppe von Gleichgesinnten an: Müde Stadtmenschen, die einmal in der Woche ihre Ideen von gemeinschaftlichem Leben diskutierten. Alle hatten verschiedene Vorstellungen. "Da habe ich gedacht, ich mach es allein, sonst wird es nie was!"

Sie begann zu suchen und eines Tages stand sie vor diesem alten Fachwerkhaus, in einer Gegend, die so weit ab vom Schuss ist, so weit von den Ballungsräumen des Rheinlandes entfernt, dass Immobilien bezahlbar sind. Sie sah die Wiese mit dem Apfelbaum, den Gänsestall, die Haselnusssträucher, den verwilderten Gemüsegarten und die Scheune. Wie baufällig und schief die war, wie morsch die Böden und wie alt die elektrischen Leitungen. Doch Susanne Philips verliebte sich in dieses alte Haus und sah, was sie sehen wollte.

Die Kinder zögerten: Jan und Maggie fanden das Wohnhaus eigentlich zu klein für die ganze Familie und die Oma. Aber dann war der Wunsch nach Veränderung, nach einem anderen Leben doch größer und das Haus wurde zum Mehrgenerationenprojekt.

Ein Jahr lang hatte der kleine Bauernhof nach dem Tod der Witwe Ilse Waldhans leer gestanden. Das Haus war kalt und feucht und Renate Bischoff, die Einheimische, erinnert sich daran, wie die Ilse zum Schluss meistens nur in der Küche saß und mit dem Backofen heizte, während alles andere verfiel. "Dann waren bestimmt 50 Leute hier, um es zu besichtigen", sagt sie, "aber keiner wollte es." Susanne Philips entschied sich für das Wagnis ihres Lebens, kaufte das Haus und 14.000 Quadratmeter Land mit Wäldchen, Wiese und eigenem Brunnen für 87.000 Euro. Fast dieselbe Summe brauchte sie noch einmal zum Renovieren. Ihre Ersparnisse: 20.000 Euro. Der Rest kam von der Bank. Das mache ihr schon manchmal Angst, sagt sie, mit ihrem schmalen Gehalt. Fördermittel gab es nicht. Die Gemeinde Windeck bietet jungen Eltern ein "Baukindergeld", um die Gegend für Familien attraktiv zu machen. Aber das gilt nicht für junge Großmütter. So trägt sie die finanzielle Last des Projekts allein. Der Rest der Familie wurde dafür zum Bautrupp, schuftete Tag und Nacht im Haus, während sie weiter zur Arbeit ging. Susannes geschiedener Mann, ein Handwerker, kam aus Griechenland zum Helfen. Ohne ihn wäre es nicht gegangen, sagt sie. Sie mussten möglichst viel selber machen, bei jedem Euro genau überlegen, wofür er ausgegeben wird. Das alte Haus sollte in etwa wieder so werden, wie es vor 100 Jahren einmal gebaut worden ist, aus Lehm, Holz und Stein - es soll atmen.

Selbstbestimmt leben

Die Familie glaubt, in der Abgeschiedenheit von Locksiefen weniger einsam zu sein, als in Bonn. "In der Stadt ist man als Kleinfamilie ziemlich isoliert", sagt Jan. Nun werden Eltern und Kinder bald die obere Etage des Fachwerkhauses beziehen. Oma Susanne wird unten wohnen. Alle wünschen sich viel Besuch aus der Stadt, Sommerfeste, Apfelernte, einen großen Komposthaufen, Gemüse aus dem Garten. Das eigene Leben bestimmen, sich ausprobieren, Platz haben, das ist für Maggie und Jan wichtig. Ihre Kinder, so glauben sie, sind hier besser aufgehoben als in der Stadt. Sie träumen davon, sich selbst zu versorgen, unabhängig zu sein.

Selbstversorgung, dazu fällt auch Franz Buchloh viel ein. Der Rentner und seine Frau stehen mit auf der Kreuzung. Sie sind gar keine richtigen Einheimischen, wie sich jetzt herausstellt, sondern aus Leverkusen. Ihnen gehört ein Ferienhaus außerhalb des Dorfes, das sie schon vor 25 Jahren gekauft haben. Franz Buchloh hatte damals auch den Traum von Selbstversorgung, erzählt er und seine Frau muss gleich lachen. Er war besessen, eine Quelle auf seinem Land zu finden, holte Wünschelrutengänger, ließ buddeln und buddelte selbst, gab auf und baute dann ein paar Kartoffeln an und einen kleinen Goldfischteich, aus dem sich manchmal ein Fischreiher bedient. Selbstversorgung sei aber eine gute Sache, findet Herr Buchloh, er habe ja den Krieg noch erlebt. Und heutzutage, in der Krise, sei man doch erst recht froh, ein Stück Land zu haben. Man wisse ja nie...

Renate Bischoff, die echte Einheimische, wird die Landwirtschaft nach dem Tod ihres Mannes nun ganz aufgeben. Im Spätsommer will sie alle Kühe verkaufen. Dann wird es in dem ehemaligen Bauerndorf Locksiefen keine Landwirte mehr geben. Die Einwohner arbeiten in den umliegenden größeren Ortschaften oder pendeln nach Bonn. Das Dorf verliert immer mehr seinen Dorfcharakter und wird zu einer Wohnsiedlung. Das Rathaus, die Schule, die Läden verteilen sich auf die größeren Orte Rosbach und Leuscheid, da gibt es auch Aldi und Lidl.

Das Locksiefener Sommerfest fällt nach dem Tod von Franz Bischoff aus. Er hatte sich um die Dorfgemeinschaft gekümmert, einen Kinderspielplatz gebaut, den Festplatz zur Verfügung gestellt, den Laternenumzug für die Kinder organisiert. "Einer muss sowas in die Hand nehmen", sagt seine Frau. Jetzt, wo er nicht mehr ist, gebe es niemanden mehr, die jungen Leute hätten für dafür keine Zeit. "Aber wir, wir machen ein großes Fest, wenn wir eingezogen sind", sagt Susanne Philips schnell und lädt gleich die ganze Runde ein.

Im vergangenen September hofften sie, es bis Weihnachten zu schaffen. Um Miete zu sparen, zog Susanne Philips aus ihrer Bonner Wohnung aus. Möbel, Bücher und das Klavier wurden in Locksiefen im Gänsestall und auf dem Dachboden eingelagert. Sie wohnte bei Maggie und Jan, wo auch der Ex-Mann untergekommen war. Das lief nicht gut und Susanne zog zu ihrem Bruder. Der Umzug ins Fachwerkhaus verzögerte sich: Als der Frost kam, mussten die Bauarbeiten für zwei Monate ruhen.

Die Umzugskartons sind inzwischen feucht geworden und das Klavier im Gänsestall ist verstimmt. Aber die Scheune steht wieder gerade, die Wände sind verputzt, es gibt eine neue Heizung, die sie mit ihrem eigenen Holz befeuern können. Nicht mehr lange und der Traum von der eigenen Apfelbaumwiese wird wahr.

Die Autorin arbeitet als freie (Fernseh-)Journalistin in Köln und Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag