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Marco Pecht
Geschichten vom guten Tropfen

Tourismus Eine schöne Landschaft allein genügt nicht. Viele Regionen werben mit einer Mischung aus Genuss, Kultur und Naturerlebnis neuerdings vor allem um Individualreisende. Zum Beispiel die Weinanbaugebiete an der Mosel

Die fünf Touristen mittleren Alters sind ziemlich aus der Puste: Gerade haben sie einen steilen Weinberg erklommen. In der Hand halten sie eine blaue Kordel, die an den Weinstöcken entlang gezogen wurde: Sie soll die Reben daran hindern, auf den Boden zu fallen. Es ist Anfang Juni in Burgen an der Mittelmosel. Die Abendsonne hat den Hasenläufer, so heißt die Weinlage am Dorfrand, in ein warmes Licht getaucht. "So, jetzt gibt es eine kleine Erfrischung", kündigt Anette Tengelmann an und greift in eine Kühlbox, die unter den Blättern des Weins versteckt liegt. Hervor zaubert sie einen Riesling. Die Touristen, die eben im Weinberg noch mit anpacken mussten, können jetzt den Wein kosten, der aus "ihren" Pflanzen vor einigen Jahren gewonnen wurde.

Mit Anette Tengelmann werden der Wein, die Landschaft und die Kultur in Burgen zu einer Sinneserfahrung: erst schwitzen, dann genießen, erst lachen, dann Fakten über die Kultur an der Mosel lernen. Die 48-Jährige ist eine von 100 Weinerlebnisbegleitern, die entlang der Mosel ihren Dienst tun. Sie sollen, so definiert es die Mosellandtouristik GmbH, ein neues und qualitätsorientiertes Angebot für Wein- und Kulturinteressierte schaffen. Damit geht die Hoffnung einher, dass noch mehr Gäste in die strukturschwache Region kommen.

Dafür hat Anette Tengelmann 130 Stunden lang bei der Industrie- und Handelskammer im rheinland-pfälzischen Trier die Schulbank gedrückt. Dort lernte sie viel über Weinbau, Weinsensorik, Geologie und Kulturhistorie der Mosel. Rhetorisch begabt und begeisterungsfähig war sie immer schon - eine gute Voraussetzung, um Individualtouristen zufrieden zu stellen. Denn der Tourismus an der Mosel ist nichts Neues: Bei Hunderten von Weinfesten zwischen Trier und Koblenz trinken seit Jahrzehnten Gäste aus aller Welt, was das Zeug hält. Dem Ruf des Moselweins tat das nicht unbedingt gut. Skandale um illegal gestreckten Wein und billige Massenware erschütterten die Region.

Kelten und Römer

Dabei hat die Mosel einige Superlative zu bieten: Es ist das älteste Weinanbaugebiet Deutschlands und hat eine spannende Historie von den Kelten über die Römer bis hin zur Gegenwart. "Vor allem die Weinkultur, die Römer und das aktive Erleben der Natur bilden bedeutende Themen", erklärt Christiane Heinen, Pressesprecherin der Mosellandtouristik.

Auch in Burgen waren die Kelten und die Römer. Doch von den jährlich zwei Millionen Übernachtungsgästen an Mosel und Saar haben sich nicht viele in das Örtchen am Fuß des Hunsrücks verirrt: Die Gemeinde liegt im äußersten Zipfel eines Urtals der Mittelmosel. Der Fluss liegt darum auch etwa vier Kilometer von Burgen entfernt, aber das Dorf besticht durch den Charme seiner Fachwerkhäuser. Und selbst ein Alleinstellungsmerkmal hat es zu bieten: Der Hasenläufer ist der einzige rundum mit Wein bebaute Berg Europas.

Anette Tengelmann will mit ihren Führungen nicht die Massen bewegen. Die fünfköpfige Gruppe, die eine Führung bei ihr gebucht hat, verlässt den Weinberg und steht zwischen Obstbäumen. Aus einer Korbtasche zieht die Weinerlebnisbegleiterin kleine Plastiklöffel heraus und lässt aus einer Flasche eine klebrige Masse fließen. "Raten sie mal, was das ist", fragt Tengelmann ihre Gäste. "Das könnte Weinbergspfirsich-Likör sein", wird vermutet. Richtig, denn nicht nur Wein wird in Burgen angebaut, sondern auch Obst. "Wir haben hier eine einmalige Kulturlandschaft", erklärt Tengelmann. Alles sei von Menschenhand geschaffen worden. Aber darin liegt auch ein großes Problem: Längst nicht alle Bewohner in Burgen haben Interesse am oft beschwerlichen Weinbau, und die Winzer kämpfen mit Nachwuchsmangel.

Doch noch gibt es neun Haupterwerbswinzer, die auf etwa 60 Hektar Wein anbauen. Und der Tourismus bekommt einen immer wichtigeren Stellenwert für die rund 600 Einwohner. "Wir haben keinen Boom, es läuft gerade so ein bisschen an", sagt Ilona Stein-Mereien, die in Teilzeit das kleine Verkehrsbüro managt. "Aber die Touristen kommen wegen der schönen Landschaft, der Ruhe und natürlich wegen des Weins", betont sie.

Derweil spaziert die Gruppe zurück Richtung Dorfmitte. Es geht vorbei an einer Mühle und über eine Kräuterwiese. Die Führung endet in der Scheune eines Bioweinguts, das Anette Tengelmann seit 2002 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten bewirtschaftet. Wer auf der Tour durch Burgen ein großes Hotel erwartet, wird enttäuscht. "Wir haben Gästezimmer, Ferienwohnungen und Ferienhäuser. Ideal für Familien", wirbt Ilona Stein-Mereien.

Vernetzte Förderung

Massentourismus ist unerwünscht. Trotzdem hoffen die Burgener von einem Trend zu profitieren, den Christiane Heinen von der Mosellandtouristik benennt: Das Bedürfnis nach Individualität im Urlaub sei gestiegen und die Deutschen seien Fans von Kurzreisen. Dies mache eine Weinregion zu einem beliebten Urlaubs- und Ausflugsziel. Genauso wie Anette Tengelmann bei ihren Touren durch die Weinberge die Wünsche ihrer Gäste berücksichtigt, versucht das die Mosellandtouristik bei ihrem Vermarktungskonzept. "Wir setzen auf eine vernetzte Förderung von Tourismus, Dorfentwicklung, Städtebau und Denkmalpflege", sagt Heinen.

Damit stößt sie in die gleiche Richtung wie die tourismuspolitischen Sprecher der fünf Bundestagsfraktionen. "Erlebnisqualität, Naturnähe und Authentizität sind wichtige Alleinstellungsmerkmale, insbesondere gegenüber ausländischen Konkurrenzzielen", sagt beispielsweise Klaus Brähmig (CDU). Und auch Annette Faße (SPD) betont: "Die Stärkung der ländlichen Räume durch den Tourismus trägt zur Existenzsicherung von Unternehmen bei und sichert Arbeitsplätze gerade in strukturschwachen Regionen."

An der Mosel wurde das erkannt, der Fluss wurde als Marke etabliert und Touren mit Jeep, Boot oder Mountainbike setzen die Landschaft ins Zentrum. "Wichtig sind regionale Bezüge, die zur Identifikation und Individualität einer Region beitragen", betont Ilja Seifert (Die Linke). Einen ähnlichen Tenor hat auch die FDP: "Es müssen überzeugende und interessante Angebote zur Urlaubs- und Freizeitgestaltung hinzukommen", erklärt Ernst Burgbacher, tourismuspolitischer Sprecher der Liberalen. Bündnis 90/Die Grünen setzen ganz auf Alleinstellungsmerkmale: "Für den Deutschlandtourismus ist vor allem die Entwicklung der Infrastruktur, sind Erreichbarkeit und Barrierefreiheit in einer alternden Gesellschaft wichtige Kriterien", erläutert Bettina Herlitzius.

Die Standpunkte aus Berlin stoßen an der Mosel auf offene Ohren. In Burgen etwa wird gezielt auf Individualtouristen gesetzt. "Kultur- und Naturgeschichte sind bestens geeignet, um Gästen den Wein näher zu bringen", ist die Weinerlebnisbegleiterin Anette Tengelmann überzeugt. Die gelernte Arzthelferin aus dem Ruhrgebiet ist 1977 zum ersten Mal an die Mosel gefahren und später nach Burgen gezogen. "Das ländliche Leben hat mich immer begeistert", schwärmt sie, während sie an einem Holunderstrauch riecht.

Der Autor ist freier Journalist in Mainz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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