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Alfred Hackensberger
Kurz notiert

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Wer die weiße Stadt einmal gesehen hat, wird über sie weinen, wenn er in der Fremde ist: Das Sprichwort aus Tanger trifft die Faszination, die von der marokkanischen Hafenstadt ausgeht. Nach einer Legende soll Noah hier an Land gegangen sein und Herkules in Tanger gerastet haben, als er die Meerenge von Gibraltar schuf. "Mythen, die bis in die Gegenwart nachwirken", sagte Mohamed Choukri, einer der bekanntesten Autoren Marokkos. Wer heute mit dem Schiff nach Tanger fährt, sieht von weitem die weißen Häuser der Altstadt in der Sonne leuchten. Hans Christian Anders war davon begeistert, wie auch später Henri Matisse und all die anderen Künstler wie Mark Twain, Paul Bowles, Jean Genet, Francis Bacon, Tennessee Williams oder Truman Capote. Als Goldenes Zeitalter gilt die Zeit der Internationalen Zone von 1923 bis 1956. Damals war die weiße Stadt ein Eldorado von Schmugglern, Bankiers, Bohemiens und Millionären. Eine Zeit mit mondänen Partys, großen Profiten, Drogen- und Sex-Exzessen, die den modernen Mythos vom kosmopolitischen Ambiente, orientalischer Exotik und Laisser-faire prägte. Manches davon lässt sich immer noch finden: Ein Sprachgemisch aus Arabisch, Französisch und Spanisch, das sich in der lokalen Küche fortsetzt; das Prinzip Leben und Leben lassen, vorausgesetzt, man geht den kleinen Geheimnissen im Privaten nach. Äußerlich befindet sich die Stadt zur Zeit im Umbruch. Neue Tourismuskomplexe und eine Stadtsanierung sollen eine marokkanische Costa del Sol bringen. Für die einen ist es das Ende Tangers, für andere eine Chance, den Schatten der Vergangenheit abzuschütteln und sich selbst zu erneuern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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