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Susanne Güsten
Kurz notiert

I

Tiefschwarze Schatten gleiten bei Nacht an der funkelnden Kulisse der Millionenstadt vorüber, tagsüber ziehen turmhohe Kommandobrücken wie auf einer Überholspur lautlos an den Staus auf der Küstenstraße vorbei. Unablässig schieben sich Frachter, Tanker und Containerschiffe aus aller Herren Länder durch Istanbul. Mehr als 50.000 Schiffe im Jahr sind auf dem Weg von Alexandria, Piräus oder Barcelona nach Odessa, Novorossisk oder Batumi. Der Bosporus, der die türkische Metropole in einen europäischen und einen asiatischen Stadtteil entzweit, verbindet zugleich das Mittelmeer mit dem Schwarzen Meer. Istanbul, berühmt als Stadt auf zwei Kontinenten, ist ebenso eine Stadt an zwei Meeren. Schon seit der Antike blüht dieser Austausch durch die Meerenge, auf der bereits die Argonauten, den Goldenen Vlies suchend, von ihrer griechischen Heimat ins kaukasische Kolchis gelangten. An einer der schönsten Buchten des Bosporus hat heute der Schwarzmeer-Kooperationsrat seinen Sitz, dem auch Mittelmeer-Anrainer wie Griechenland, Zypern and Albanien angehören - der Versuch eines wirtschaftspolitischen Brückenschlages zwischen den Meeren. Die Natur leistet diesen Austausch schon lange: Während aus dem wasserreichen Schwarzen Meer ständig kühles Wasser ins Mittelmeer fließt, trägt eine Gegenströmung in der Tiefe salzreiches Wasser. Karadeniz und Akdeniz heißen die beiden Meere auf Türkisch, Schwarzes Meer und Weißes Meer. Ein Mittelmeer gibt es für die Türken nicht, denn aus ihrer Sicht liegt die Mitte in Istanbul.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Istanbul, Türkei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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