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Aufgezeichnet von Nicole Tepasse
Kurz notiert

Heike Böttcher (30), arbeitet derzeit als Projektreferentin im Rückkehrer-Programm von peace brigades international (pbi) in Berlin. Unterstützt von "weltwärts" ging sie für 12 Monate nach Mexiko und arbeitete dort in einem Menschenrechtsprojekt der pbi.

Ich habe im mexikanischen Chilpancingo im Bundesstaat Guerrero bedrohte Menschenrechtsverteidiger begleitet - bei ihrer Arbeit in abgelegenen indigenen Gemeinden, bei Behördengängen, Gerichtsprozessen oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Das Prinzip ist Abschreckung durch Präsenz. Unsere Begleitung soll den Handlungsspielraum der Menschenrechtler sicherstellen. Wer diejenigen bedroht, mit denen wir zusammenarbeiten, muss sich im Klaren sein, dass wir eine internationale Organisation sind und dass es bei Verbrechen gegen die von uns begleiteten Personen auch internationale Reaktionen gibt.

Zu meiner Arbeit gehörte es auch, Risiko- und Sicherheitsanalysen zu erstellen. Wo und wann ist es besonders gefährlich? Wer ist an dem Konflikt beteiligt? Woher kommt die Aggression? Szenarien und Reaktionen schon im Vorfeld abschätzen zu können und damit Risiken für die Menschenrechtsverteidiger zu senken, ist unser Ziel.

Notfallnummer

Wie ganz Mexiko ist auch Guerrero sehr stark militarisiert. Zu einer angespannten Sicherheits- und Menschenrechtslage führt auch die weit verbreitete Straflosigkeit und die Kriminalisierung von Menschenrechtlern. Gerade sie werden häufig aufgrund gefälschter, ihnen untergeschobener Beweise angeklagt. Das hat zur Folge, dass sie ihrer politischen Arbeit kaum nachgehen können. Wie auch, wenn sie all ihre Ressourcen in die eigene Verteidigung stecken müssen?

Auf die Situation und das gewisse Risiko, das mit der Arbeit verbunden ist, kann man sich nur teilweise vorbereiten. Pbi verpflichtet die Teilnehmer im Vorfeld zu einem einwöchigen Training und einem Ausreisecoaching. Die persönliche Sicherheit wird auch vor Ort immer wieder thematisiert, beispielsweise in Workshops mit einer Psychologin. Außerdem sind wir bei der Arbeit nie allein unterwegs, haben Notfallnummern dabei, zum Beispiel auch die der deutschen Botschaft. Wenn wir in abgelegenen Gemeinden unterwegs sind, halten wir über Satellitentelefon ständig Kontakt mit unserem Team. Entscheidend ist, dass man auch auf sich selber achtet. Ständig in einem Kontext von Repression zu agieren, hat bei mir zu dem Gefühl geführt, ein Stück weit meine Leichtigkeit verloren zu haben. Die Anspannung und Unsicherheit, außerdem das ständige Erreichbarsein und das Fehlen eines Rückzugsraumes - das alles wird zum Dauerstress. Auch im Urlaub braucht man Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten und die Gedanken zumindest ein Stück weit von dem Projekt zu lösen.

Bewusste Entscheidung

Dass ich pbi als Entsendeorganisation gewählt habe, war eine sehr bewusste Entscheidung und ein längerer Prozess. Besonders wichtig war mir das Prinzip der Nichteinmischung. Pbi arbeitet nur auf Grundlage von Petitionen. Menschenrechtsorganisationen können sich an uns wenden und unsere Begleitung anfragen.

Auch wenn die Organisationen auf uns zukommen, ist es eine Herausforderung, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Aber Vertrauen ist natürlich nicht nur in die eine Richtung wichtig. Wir müssen uns beispielsweise auch sicher sein, dass die Organisation, die unseren Schutz anfragt, gewaltfrei agiert.

Aufgezeichnet von Nicole Tepasse.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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