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Marco Pecht
Arbeiten für das gemeine Wohl

Ehrenamt Die Deutschen investieren jedes Jahr 4,6 Milliarden Stunden für bürgerschaftliches Engagement

Bis vor wenigen Monaten war der Alltag von Ingrid Kron von Zeitdruck bestimmt: Konferenzen mussten vorbereitet, Pressekampagnen gesteuert werden. Die heute 61-Jährige hat ihr Job in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eines internationalen Unternehmens in Frankfurt voll ausgefüllt. Für Freizeit blieb da kaum Raum. Heute ist das anders: Ingrid Kron ist in Altersteilzeit, hat nun mehr Luft zum Reisen und für sich. Doch irgendwie war das nicht genug. "Es hat mir gefehlt, kreativ zu sein und meine Erfahrungen einzubringen", erzählt sie. Da kam die Anfrage von den Clown-Doktoren gerade richtig.

Der Verein in Wiesbaden besucht Kinder in Krankenhäusern. Mit Theater, Puppenspiel und Musik sorgen sie für Unterhaltung am Klinikbett. Im Hintergrund arbeitet jetzt Ingrid Kron. "Ich versuche die Clown-Doktoren in der Presse gut erscheinen zu lassen." Dabei kann sie ihr Wissen aus dem Beruf einbringen, ihre Kontakte nutzen und sich selbst einen Wunsch erfüllen. "Ich hatte immer die Idee, in der Rente irgendetwas Sinnvolles zu tun", erinnert sich Kron. Zehn Stunden im Monat arbeitet sie nun ohne Bezahlung für die Clown-Doktoren.

Potenzial für die Gesellschaft

Jeder dritte Deutsche engagiert sich ehrenamtlich. Das hat die Versicherung AMB-Generali in einer Studie herausgefunden. Befragt wurden 44.000 Personen. Das Ergebnis ist deutlich: 34,3 Prozent der Bevölkerung setzen sich für das Gemeinwohl ein. Gemeinsam investieren sie 4,6 Milliarden Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Jahr. "Das ist ein enormes volkswirtschaftliches Potenzial und könnte staatlich kaum finanziert werden", sagt Roland Krüger vom Generali-Zukunftsfonds, der die Erhebung mit betreut hat.

Diesen Befund bestätigt auch Eckhard Priller vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat er in diesem Jahr zum ersten Mal den Bericht zur Lage des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland verfasst. Darin stellt Priller einen Wandel vom klassischen Ehrenamt zum Zivilengagement fest. Das ist eine freiwillige Tätigkeit, die unentgeltlich geleistet wird und auf das Allgemeinwohl abzielt. Neben den klassischen Aufgaben in Vereinen haben sich neue Arten des Engagements herausgebildet. Flexibel muss die freiwillige Arbeit gestaltet werden können. Darauf legt auch Ingrid Kron großen Wert. "Ich versuche mein Engagement für die Clown-Doktoren in meine Freizeit einzubauen", beschreibt sie. Ein festes Korsett mit Präsenzstunden sei da fehl am Platze.

"Nicht das Interesse am Ehrenamt hat abgenommen, sondern die Form ändert sich", erklärt Experte Priller den Wandel. Dabei seien viele Menschen bereit, auch sehr viel Zeit zu investieren. So war es bei Ingrid Kron noch vor einigen Wochen: Ein Team der Clown-Doktoren hat beim Halb-Ironman in Wiesbaden teilgenommen. Sportlich wurde damit der Verein unterstützt. Für Ingrid Kron gab es eine Menge zu tun. Prospekte mussten getextet, Sponsoren geworben und die Presse informiert werden. "Wenn dann alles gut läuft, merke ich, dass mir die Arbeit etwas zurück gibt", sagt Kron und nennt damit eines der Hauptmotive für freiwilliges Engagement. Laut AMB-Generali-Studie wollen die Menschen die Gesellschaft im Kleinen mitgestalten oder mit anderen Menschen zusammenkommen. Daran habe sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.

Sache der Mittelschicht

Dennoch mahnen Experten wie Eckhard Priller vom WZB: "Wir brauchen das Engagement, weil es ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft ist", sagt er. Allerdings werden von der Ehrenamts-Bewegung nur bestimmte Teile der Bevölkerung erfasst. "Wir sprechen beim Engagement immer von einer Mittelschichtsveranstaltung", weiß der Wissenschaftler. Umgekehrt bedeutet dies: Arbeitslose und bildungsärmere Schichten engagieren sich seltener. Ihnen mangele es oft an Gelegenheiten und auch an finanziellen Mitteln, so Priller, der die Politik in der Pflicht sieht. Freiwilliges Engagement müsse mehr anerkannt, Vereine und Organisationen besser ausgestattet werden. "Politik muss den Rahmen schaffen, darf sich aber nicht zu sehr einmischen", empfiehlt er.

Ein Beispiel für bürgerschaftliches Engagement ganz ohne politische Rahmenbedingungen liefert die Industrie- und Handelskammer (IHK) Rheinhessen in Mainz. Dort sind in der Öffentlichkeit bekannte Personen freiwillig und ohne Bezahlung für junge Schulabgänger unterwegs. Der Intendant eines Fernsehsenders oder ein ehemaliger Oberbürgermeister werben bei Unternehmen für mehr Ausbildungsplätze. "Als wir 1997 mit dem Projekt begonnen haben, waren fast alle Prominenten bereit, uns zu helfen", erinnert sich IHK-Geschäftsführer Richard Patzke. 150 Lehrstellenlotsen hätten in den vergangenen Jahren tausende von Betrieben besucht, so Patzke. "Das konnten wir mit unserem Personal gar nicht schaffen", betont er.

Ein Blick auf die Entwicklungen am Ausbildungsmarkt in Rheinhessen belegt den Erfolg des IHK-Projekts. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge liegt in der Region rund um Mainz weit höher als im Bundesdurchschnitt. "Unsere Lotsen bringen sich der Sache wegen ein", ist sich Patzke sicher. Ein Motto, das - so die Experten - künftig das Zivilengagement prägen wird.

Der Autor ist freier Journalist in Mainz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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