Inhalt

Joska Pintschovius
Das ewige Biedermeier

Kleinbürgertum

Thomas Mann ließ in seinem Familien Epos "Die Buddenbrocks" Senator Buddenbrock am Ende des 19. Jahrhunderts fragen, was ihn, selbst aus niederem Stand emporgestiegen und nun vom Niedergang bedroht, von den Kleinbürgern seiner Vaterstadt Lübeck trennte? Die bürgerliche Familie hatte Brauch und Sitte der adeligen Oberschicht adaptiert. Nun sah man sich mit dem Verlust von Geld und Gut wieder in den Kleinbürgerstand herabgesunken: just zu jenen Bürgern der Stadt, die in strenge Ordnungsregeln eingebunden, mit Neid und Missgunst die Normen des Mittelmaßes kontrollierten. Dennoch sichert genau diese Mittelmäßigkeit gesamt gesellschaftlich gesehen immer wieder den sozialen Frieden. Unangefochten von Ideologen und Heilsbringern überdauerten kleinbürgerliche Werte und Tugenden Katastrophen und Widrigkeiten der Geschichte.

Auch die Weltkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den von den Deutschen entfesselten Zweiten Weltkrieg, an deren Ende die alten Eliten entmachtet waren, überstanden die Vorstellungswelten der Kleinbürger weitgehend unbehelligt. Die Alliierten erfanden als gnädige Sieger den Begriff Mitläufer. Befrachtet von der Last der Geschichte galt es nach 1945, einen Neuanfang zu organisieren, der aber gleichzeitig die altbewährte Werteordnung des biedermeierlichen Nachtwächterstaates beibehielt. Dazu gehörten Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit und materielles Wohlergehen in sozialer Stille. Bei der Neubestimmung einer allgemeinen Leitkultur halfen alliierte Kulturoffiziere und Berater.

Vaterland ist dort, wo westliche Lebensart gelebt wird, hieß es bei den einen. Die anderen mussten sich dem sowjetischen Brudervolk andienen und bewahrten dennoch trotzig alten Brauch und gute Sitte, nahmen regen Anteil an der Entwicklung im Westen. Die Freude über die Wiedervereinigung im Oktober 1990 wurde schnell getrübt, da zwei normendiktierte Kleinbürgerkulturen aufeinander stießen. Die Altbundesbürger sahen sich mit einer Kulturmission betraut.

Nur wer sich wandelt...

Die Westdeutschen hatten ihre Leitkultur bei den Schutzmächten und auf Urlaubsreisen entdeckt, ihre Siedlungen vereinten die Baustile der benachbarten Kulturnationen. Auf einmal fanden sich keine Gartenzwerge sondern Terrakotagefäße hinter dem Jägerzaun; Möbelhäuser und Baumärkte gestalteten das putzsaubere Heim und halfen ihm, eigene Geschichte zu tilgen. Der Kleinbürger bringt nicht den Mut zu Eigenem auf, er ist gerne auf der Suche nach dem, was gerade vermeintlich modern ist. Er hat keine Familiengeschichte, keine Tradition auf die er stolz ist. Sein Credo heißt: "Nur wer sich wandelt ist sich treu." Er ist von außen diktiert und sucht sich immer wieder von seinem eigenen Stand abzusetzen. Er wünscht sich, weltoffen zu sein. Immer vorausgesetzt seine selbsterwählte Obrigkeit sichert ihm Sicherheit, Ruhe und Sauberkeit und befördert sein pflichtbeladenes, kindzentriertes Familienmodell. So konserviert er das ewige Biedermeier.

Der Publizist ist Autor des 2008 erschienen Buches "Die Diktatur der Kleinbürger. Der lange Weg in die Mitte."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag