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Interview
Die Wahl der Mitte

Politische Milieus Der Parteienforscher Michael Vester über das stabile bürgerliche 50-Prozent-Lager

Herr Professor Vester, die Mittelschicht ist dominanter Teil der "politischen Mitte". Mit welchen Werten prägt sie diese?

Das ist ganz unterschiedlich. Der konservative Teil dieser Mitte glaubt an Hierarchien, an Werte der Ordnung und Einordnung. Er ist nicht sehr stark aufstiegsorientiert, sondern will seinen sicheren Platz haben und ist damit auch zufrieden. Er wählt sehr gerne konservative Parteien oder auch den konservativen SPD-Flügel, weil diese ihm die Sicherheit zu geben versprechen. Und die moderne Mitte sind jene, die sehr stark auf Eigenverantwortung setzen. Sie wollen durch eigene Leistung und durch gegenseitige Solidarität so etwas wie Unabhängigkeit, Autonomie erlangen und achten sehr darauf, dass sie respektiert werden.

Vor einem Jahr stellte eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung eine tiefe Verwurzelung demokratiefeindlicher Ressentiments in der gesellschaftlichen Mitte fest. Auch das gehört offenbar dazu.

Ja, das ist aber nicht die Mitte als solche. Es gibt in der untersten und in der obersten Gesellschaftsschicht und auch in der 70-Prozent-Mitte einen konservativ-rechten Flügel. Das ist nichts Neues. Diese Gruppe der weit rechts stehenden Mitte ist aber kleiner geworden. Sie liegt heute ungefähr bei 20 Prozent, wie auch in anderen westeuropäischen Ländern. Das ist längst nicht so eine große Gefahr wie 1932. Ein ganzer Teil dieser Milieus hat sich mit der Zeit doch etwas stärker demokratisch orientiert - und zwar dauerhaft.

Vertrauen in den Wohlfahrtsstaat ist ebenfalls Teil dieses Wertekanons. Die Agenda 2010 hat dieses Vertrauen erheblich erschüttert. Warum?

Ich denke, dass die Gegenseitigkeit fehlt. Die große Masse dieser Mitte ist der Auffassung, dass sie sehr wohl etwas leisten muss: Sie bezahlt Versicherungen, geht arbeiten und zur Schule. Sie muss also Pflichten erfüllen. Aber dafür erwartet sie auch, teilzuhaben. Also, wenn es ein Wirtschaftswachstum gibt, dann will sie daran teilhaben - über eine vernünftige Lohnquote. Und wenn das wie in den vergangenen Jahren ausbleibt, wird das Grundprinzip der Mitte "Leistung gegen Teilhabe" in Frage gestellt. Deshalb wollen sich die Leute auch nicht gerne als Trittbrettfahrer des Wohlfahrtsstaates bezeichnen lassen.

Mit Hartz-IV würde man nach ökonomischen Kriterien nicht mehr zu Mittelschicht gehören, nach Bildungsgrad und Beruf aber schon. Verändert sich der Wertekanon durch einen plötzlich veränderten ökonomischen Status?

Nein. Menschen sind ja nicht einfach Träger ökonomischer Kategorien. Werte, die in Kindheit und Jugend erworben wurden, haben Bestand. In solchen Fällen wird dann eher versucht, die Respektabilität nach außen hin zu wahren. Das ist entscheidend. Diese kulturpessimistische Auffassung eines vollständigen Verfalls sozialer Werte und des Zusammenhalts ist eine Angst, die Intellektuelle immer haben, die aber mehr mit ihnen selbst zu tun hat als mit den Menschen in der Gesellschaft.

Und auf die Parteibindung hat ein solcher Abstieg auch keine Auswirkung?

Das wirklich Interessante an Wahlen ist die Beteiligung, nicht die Option. Das heißt, wenn Menschen sich in ihrem Weltbild - konservativ oder mehr solidarisch - enttäuscht sehen, dann bleiben sie der Wahl fern. Sie bleiben zu Hause, weil sie von ihrer eigenen Partei nicht mehr genügend mobilisiert werden können. Oder aber sie wählen innerhalb des eigenen Lagers eine Konkurrenzpartei.

Eine "Gefahr für die Demokratie" sehen Sie darin nicht?

Das ist wie mit dem Fuchs und den Trauben. Der Fuchs sagt zu den Trauben, die ihm zu hoch hängen, sie wären ihm zu sauer. Und wenn eine Partei nicht mehr gewählt wird, dann fragt sie nicht, was sie falsch gemacht hat. Stattdessen heißt es oft: Die Wähler wissen die Partei nicht zu schätzen und sind vielleicht nicht mehr demokratisch. Das ist eigentlich Wählerbeschimpfung. So etwas vergiftet das politisch-gesellschaftlich Klima.

Sozial Enttäuschte wenden sich von der Politik ab, lautet eine einfache, aber oft benutzte These.

Natürlich gibt es manche, die sich gar nicht engagieren. Aber sehr viele Menschen engagieren sich im sub- oder vorpolitischen Raum, weil sie in großen Parteiapparaten nur wenige Mitsprachemöglichkeiten für sich sehen. Sie suchen sich folglich Orte, wo sie diese haben, denn sie wollen sich nicht dauernd bevormunden lassen.

Lässt sich damit auch der Mitgliederschwund der Volksparteien erklären?

Die Einbußen der SPD lassen sich vor allem damit erklären, dass sie keine Flügelkompromisse macht, sondern eine Flügel-Diktatur des Schröder-Flügels. Das ist eine autoritäre Mitte. Damit kann man freier denkende Menschen nicht dauerhaft an sich binden. Die Union dagegen hat gemerkt, dass sie sich nicht nur dem konservativen Teil der Mitte zuwenden kann, sondern sich dem modernen Teil der Mitte zuwenden muss. Bestimmte Politiker wurden deshalb in den Vordergrund gerückt. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" können konservative Strömungen erbittert miteinander streiten. Ein solches Forum fehlt für die Sozialdemokratie.

Union und FDP bezeichnen sich, aus Tradition, stets als das "bürgerliche Lager", während die Grünen als Partei der oberen Mittelschicht gelten.

Die Mehrheit der Grünen sind Kinder von Bildungsbürgern oder höheren Beamten. Die Grünen kommen also nicht sehr stark aus der Mitte. Sie sind Linksbürger und als solche können sie, auch aus sozialem Gewissen heraus, mal mit einer sozialdemokratischen und mal mit einer konservativ-christlichen Partei koalieren. Es gibt sozusagen Verschiebungen innerhalb des bürgerlichen Spektrums, das sich erstaunlich stabil um die 50-Prozent-Marke bewegt.

Im Gegensatz zu den Grünen bezeichnen sich Konservative selbst als Bürgerliche und verstehen sich damit als die Erben des sozialen Status des klassischen Besitz- und Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts. Erben in moderner Form. Und wenn moderne Konservative wählen, dann wählen sie nicht links, sondern versuchen, innerhalb ihres eigenen Lagers eine modernere Politik durchsetzen. Ursula von der Leyen zum Beispiel ist zwar offen für neue Familienmodelle, aber achtet doch sehr auf Konventionen. Die Grünen dagegen haben Konventionen gegenüber eine weit kritischere Haltung.

Worauf lassen sich die Verschiebungen im bürgerlichen Spektrum zurückführen?

Die Grünen symbolisieren den Wandel der Berufe in den oberen Etagen der Gesellschaft. Wir haben heute weniger administrative Eliten und mehr in den Humandienstleistungen: Bildung, Gesundheit, Soziales. In diesen Berufsgruppen möchte man nicht gerne vom Chef dauernd hin und herschickt werden, sondern will Autonomie. Das ist die klassische grüne Klientel. Die Erfolge der Grünen beruhen auf dieser Verschiebung.

Das Interview führte Claudia Heine.

Michael Vester ist Professor für Politische Wissenschaft i. R. an der Leibniz-Universität Hannover.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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