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Till Briegleb
Zugang ohne Erbrecht

Hansestädte Understatement und bürgerliches Selbstvertrauen - wie die Jahrhunderte lange Eigenständigkeit die Hanseaten prägt

Hanseaten sind irgendwie anders. Bei der Suche nach den Gründen für ihre Mentalität, die von Nicht-Hanseaten als reserviert, vernünftig und gelassen beschrieben wird, stößt man immer wieder auf eine historische Systemfrage: Welchen Einfluss hat es auf die Erziehung lokaler Verhaltensweisen, ob die Menschen früher feudal oder republikanisch regiert wurden. Denn wenn etwas das Hanseatische von anderen Milieus des Benehmens unterscheidet, dann ist es die Jahrhunderte währende Selbstbestimmung, die starke Traditionslinien einer eigenständigen Bürgerlichkeit hervorbrachte.

Seit circa 1350, als die kaufmännische Interessensgemeinschaft der Hanse auf den Plan trat, blieben die Hanse-Kernstädte Hamburg, Lübeck und Bremen im Wesentlichen selbständig. Regiert von einer Reichen-Demokratie, zu der man nur mit Vermögen Zutritt erhielt, und die sich als Klasse gut abzuschotten wusste, entwickelten die deutschen Hansestädte ihr bürgerliches Selbstvertrauen seit dem Mittelalter relativ frei von feudaler Gängelung aus ihrem ökonomischen Erfolg. Als Handelsnationen mit Vertragspartnern in aller Welt mussten die Nutznießer der Hanse zudem bestimmte Verhaltensweisen kultivieren, ohne die wirtschaftliches Fortkommen relativ aussichtslos blieb. Intoleranz, Vertrauensseligkeit, Ausschweifungen und Schmeichelkultur, wie sie an manchem Fürstenhof zum guten Ton gehört haben mögen, sind im Welthandel eher Geschäftsrisiken.

Der gelegentlich zu hörende Vorwurf der Arroganz mag ebenfalls ein Resultat dieses hanseatischen Souveränitätsgefühls sein. Als durchaus dünkelhafter Geldadel mit großen Vorlieben für den englischen Lebensstil hat das reiche Bürgertum von Hamburg, Lübeck und Bremen sicherlich nie ohne ein gewisses Überlegenheitsgefühl zu den tätigen Massen wie dem untätigen Adel gelebt. Allerdings ist spätestens seit der Zeit der Aufklärung, als in den Hansestädten - unterschiedlich stark - neue philantropische und weltanschauliche Prämissen aufkamen, ein sozialer "Patriotismus" etabliert, der sich in einer einmaligen Stiftungstradition niederschlägt. Von Theater, Oper und Kunsthalle bis zu Altenheimen und Krankenhäusern sind die großen Institutionen der Städte dem bürgerlichen Gemeinsinn der Händler zu verdanken, noch heute ist Hamburg die Stadt mit den meisten Stiftungen und Mäzenen in Deutschland.

Da Hanseatentum kein Erbrecht beinhaltet, ist es nicht wirklich ein ethnografisches oder soziologisches Merkmal als vielmehr eine kultivierte Anpassungsart. Schon in der Vergangenheit haben Gewalterhebungen in Europa starke Kontingente holländischer, jüdischer oder französischer Kauf- und Bankleute in die Hansestädte gespült, die sich schnell in der Führungsschicht assimilierten. Auch heute sind etwa in Hamburg viele der rund 400 Einkommensmillionäre keineswegs gebürtige Hanseaten, und nicht jeder von ihnen pflegt noch einen hanseatischen Lebensstil, wie er im Buche steht, mit Villa am Wasser, reitenden Kindern und goldknöpfigen Zweireihern.

Dennoch achtet man in den norddeutschen Machtzentralen vermutlich sehr viel mehr auf Traditionen und Etikette, als in Berlin, Frankfurt oder Düsseldorf. Den Hang zu Gediegenheit und Understatement, zu Konservatismus in den Umgangsformen und Offenheit im Gespräch, das Vertrauen in Seriosität und die höfliche Distanz bei den Präliminarien lernt etwa jeder Besuchs-Hamburger schnell als Distinktionskriterien kennen. Dennoch ist der Wandel vermutlich stärker als die Beharrlichkeit. Globaler Container- und Aktienhandel, extreme Mobilität und die Zellteilung der Moden und Lebensstile lassen das Hanseatische zunehmend verblassen - aber nicht aussterben. Das merkt man spätestens, wenn man woanders hinkommt. Als der Thalia-Intendant Ulrich Khuon seinen neuen Job im Deutschen Theater in Berlin antrat, war er vom rauen Ton in der Hauptstadt so genervt, dass er bekannte, Heimweh nach Hamburger Umgangsformen zu haben. Hanseaten sind eben doch irgendwie anders.

Der Autor ist Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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