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Interview mit Berthold Vogel, Projektleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung
FÜnf FRAGEN ZU: Prekärer Beschäftigung

Immer mehr Menschen arbeiten in prekären Beschäftigungen. Was sind die Ursachen dafür?

Die Ursachen liegen erstens in veränderten betrieblichen Wirklichkeiten und Personalstrategien. Flexibilität, Projektorientierung und weniger Verbindlichkeit sind heute gefragt. In nahezu allen Branchen treffen wir auf gespaltene Belegschaften. Festangestellte einerseits, befristet oder geringfügig Beschäftigte, Leiharbeitskräfte und Minijobber andererseits. Zweitens wurden von politischer Seite in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten zum Aufbau dieser "Zweitbelegschaften" forciert. Zu einem Protagonisten dieser Entwicklung hat sich daher nicht zufällig der politiknahe öffentliche Sektor entwickelt. Der öffentliche Dienst ist vielerorts zum Vorreiter prekärer Beschäftigung geworden.

Was bedeutet "prekär"?

Prekär beschäftigt sind alle jene, deren Arbeitssituation brüchig und jederzeit widerrufbar ist. Der arbeitsrechtliche Schutz ist weitgehend reduziert, die Verträge sind befristet, die Arbeitsorte wechseln rasch, die Entlohnung liegt unter tariflichen Standards, berufliche Weiterentwicklung und betrieblicher Aufstieg spielen in diesen Erwerbsformen keine Rolle mehr. Prekär Beschäftigte sind der Spielball einer neuen unsicheren Arbeitswelt, die immer ungleicher wird.

Davon sind aber nicht nur Menschen ohne Berufsabschluss betroffen.

Das Gegenteil ist der Fall: Prekäre Beschäftigung finden wir immer häufiger in qualifizierten Mittelschichtberufen im Bildungs- und Gesundheitssektor, in Industrie und Handwerk. Immer mehr Facharbeiter, kaufmännische Angestellte und Ingenieure finden sich in prekärer Beschäftigung wieder.

Das Prekariat kommt also in der Mittelschicht an?

Das Prekariat kommt nicht nur in der Mitte an, es repräsentiert mittlerweile einen guten Teil unserer Mittelschicht. Eine Dreiklassengesellschaft zeichnet sich in der Arbeitswelt ab: Neben sicher Beschäftigten, die unter dem Bestandsschutz vergangener Tage stehen, finden wir prekär Beschäftigte, die trotz guter Qualifikation große Mühe haben, sich in der Arbeitswelt zu stabilisieren. Die dritte Gruppe sind die gering Qualifizierten, die von der Arbeitswelt weitgehend ausgeschlossen sind.

Ist der Begriff "Prekariat" eine neue Beschreibung für schon Bekanntes?

Nein, denn die Phänomene sind neu: Die Ungleichheit in der Arbeitswelt wächst markant und für alle spürbar. Gerade die Mittelschicht löst sich als weitgehend einheitlicher Block der fachlich gut Qualifizierten und tarifvertraglich gut Abgesicherten auf. Sie verschwindet nicht, sie zersplittert. Die Konflikte um Status, Wohlstand und aussichtsreiche Arbeit wachsen. Die Konjunktur des Begriffs Prekarität hat genau mit diesen Entwicklungen zu tun.

Das Interview führte Claudia Heine.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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