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ORTSTERMIN: DER WAHLABEND IM REICHSTAGSGEBÄUDE
Lydia Harder
»Von roten Vögeln lasse ich mich nicht ablichten«

Georg Schüttke schwebt über den Dingen. Keiner hat an diesem Sonntag soviel Überblick wie der Kameramann der ARD. In siebzig Metern Höhe steht er in einem Käfig auf der Spitze eines Krans und hält sich an seiner Kamera fest. Er macht "Beautyshots", so heißen die malerischen Aufnahmen aus der Vogelsperspektive. Schüttke filmt das Reichstagsgebäude in der Totalen. Eigentlich ist er nicht ganz schwindelfrei. "Aber meine Kollegen haben sich alle geweigert." Dann kreist der Kran wie ein Karussell, hoch droben am Himmel über Berlin.

Heute wird das deutsche Parlament neu gewählt. Aber was passiert an dem Ort, um den sich alles dreht? Im Auge des Orkans herrscht erstaunliche Ruhe. Das Reichstagsgebäude hat sich in eine Hochburg der Technik verwandelt. Es ist mit Metallgerüsten zugestellt, an denen unzählige Kameras befestigt sind. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben hier ihre Studios aufgebaut, bestehend aus Stellwänden, vielköpfigen Kamerateams und gepuderten Moderatoren. Marie-Anne Simon sitzt hier vor einem Berg aus Make-up-Dosen und Lippenstiften. Später wird sie geschockten Spitzenpolitikern den Teint auffrischen, bevor sich diese ins Scheinwerferlicht begeben. "Den Herrn dahinten hab ich schon geschminkt", sagt sie und deutet auf einen Mann Ende Fünfzig mit randloser Brille, grauem Anzug und Streifenkrawatte. Es ist Bundeswahlleiter Roderich Egeler, der gerade seine Bühne betreten hat. Er ist der wichtigste Mann dieses Abends. Denn auch wenn schon nach den ersten Hochrechnungen gefeiert wird, das Ergebnis zählt erst, wenn er es verkündet. Schon am Nachmittag erstattet er über die Wahlbeteiligung Rapport, die niedrigste in der Geschichte der Bundesrepublik. Eindringlich appelliert Egeler ein letztes Mal: "Gehen Sie zur Wahl! Nur so zählt Ihre Meinung." Blieben die Wahllokale wegen des schönen Wetters leer? Egeler winkt ab: "Bei gutem Wetter ist die Wahlbeteiligung schlecht und bei schlechtem Wetter ist sie auch schlecht."

Die exotischste Arbeitskleidung dieses Abends trägt Kirit Thaker. In der Tasche seiner roten Cordjacke steckt eine Plastikrose. Dazu passend hat er eine rot gepunktete Fliege umgebunden. Wichtigstes Element seiner Ausrüstung sind jedoch zwei rote Plüschküken, die er mit Alufolie auf sein Blitzlicht geklebt hat. "Wo ist das Vögelchen?"

Thaker kommt aus Indien. Dort war er, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, Schauspieler und Tänzer. Dann ging er als Puppenspieler nach Prag, seit zwanzig Jahren fotografiert er in Berlin. "Alle kennen mich", wird er nicht müde zu betonen. "Ich habe sie alle vor der Linse gehabt. Bush, Gorbatschow, Musharraf, Steffi Graf. Die kennen mich alle!" Es ist 18 Uhr, die Wahlkabinen schließen, auf den Bildschirmen schießen farbige Balken in die Höhe. Von jetzt an jagt eine Hochrechnung die nächste, im Bundestag spricht man nur noch in Ziffern. In der Schaltzentrale nebenan dagegen ist es still und dunkel. Hier warten die Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes auf die Ergebnisse aus den Ländern. Ihre Gesichter werden von den Bildschirmen bläulich angestrahlt. Auf diesen Abend haben sie sich seit sechs Wochen vorbereitet, ihn immer wieder technisch durchgespielt.

Dann geht es los, die ersten offiziellen Zahlen treffen ein. Die Journalistenmeute wird zunehmend aufgeregter, eine Fernsehfrau schiebt den Unions-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder kraftvoll vor ihre Kamera. Als auch der indische Fotograf Kauders Aufmerksamkeit erheischen kann, scherzt dieser über den Kameraschmuck: "Von roten Vögeln lasse ich mich nicht ablichten."

Noch ist der Abend nicht gelaufen, denn das vorläufige amtliche Endergebnis gibt der Bundeswahlleiter erst in den frühen Morgenstunden bekannt. Aber bei Kirit Thaker macht sich Enttäuschung bemerkbar. Er hätte mehr Prominente erwartet. So beschließt er, zu den Wahlpartys von Union und FDP zu gehen. Dort vermutet er bessere Stimmung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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