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Jörg von Bilavsky
Gegen den Strom im Kalten Krieg

Deutsche teilung Bernd Stöver und Ulrich Stoll präsentieren Motive und Erlebnisse von DDR-Übersiedlern

Die Flucht in den Westen war der Normalfall, die in den Osten kein Einzelfall. Zwei Autoren haben nach den Motiven und Erlebnissen der DDR-Übersiedler gefahndet. Es ist eine eindeutige, aber dennoch erstaunliche Bilanz. Während der deutschen Teilung zog es fast fünf Millionen Deutsche aus dem angeblich tristen Osten in den angeblich "Goldenen Westen". Das wundert heute niemand mehr. Aber, dass etwa eine halbe Million Menschen in der DDR ihr Glück suchten, überrascht den heutigen Betrachter schon. Dass der Westen Deutschlands für die Meisten attraktiver war als der Osten, machte auch die Historiker jahrelang blind für diesen Aspekt der deutsch-deutschen Geschichte. Forschungen in dieser Richtung gibt es bislang nur wenige. Jetzt aber haben gleich zwei Autoren in die Akten, Erinnerungen und Berichte der DDR-Übersiedler geschaut, um Licht ins Dunkel ihrer Motive und der Umstände ihres Seitenwechsels zu bringen. Sie stießen dabei nicht nur auf menschliche Tragödien, sondern auch auf kuriose Karrieren.

Der Potsdamer Historiker Bernd Stöver erzählt diese nur scheinbar ungewöhnliche Migrationsgeschichte im Kontext des Kalten Krieges und anhand neun relativ prominenter Lebensläufe. Der ZDF-Redakteur Ulrich Stoll hingegen konzentriert sich auf die Biografien acht einfacher Bürger, die ihn tief berührt haben und uns tief berühren sollen. Stöver interessiert vor allem das historische Phänomen, Stoll geht in erster Linie den persönlichen Dramen hinter der allgemeinen Geschichte nach. So unterschiedlich wie ihre Ansätze sind auch Darstellungsformen und Ergebnisse. Während der Mann vom Film mehr auf Betroffenheit, Mitgefühl und Atmosphäre setzt, schlägt der Mann der Wissenschaft den Weg der Analyse, des Vergleichs und der größtmöglichen Neutralität ein. Letztlich liegt es beim Leser, ob er lieber packenden Emotionen oder präzisen Erklärungen folgen möchte.

Gedanken und Gefühle

Wer sich für die Schicksalsgeschichten des Dokumentarfilmers entscheidet, erfährt vieles über die Gedanken und Gefühle all jener DDR-Rückkehrer, die Ihre Flucht oder Ausreise in den Westen nachträglich bereut und den Weg zurück meist aus familiären Gründen gefunden haben. So etwa Alwin Ziel und Horst Geißler, die den Westen wieder verließen, als Frau und Kinder von der Staatssicherheit in die Mangel genommen wurden. Aber auch Menschen, die nach einem bewilligten Ausreiseantrag in der Bundesrepublik nicht Fuß fassen konnten oder Angst vor einer Entführung durch die Stasi hatten, kommen bei Stoll zu Wort. Vor allem aber richtet er seinen Fokus auf das demütigende Wiedereinbürgerungsverfahren und die haftgleichen Verhältnisse im nordöstlich von Berlin gelegenen Zentralen Aufnahmeheim Röntgental.

Endlose Schikanen

Stoll schildert dabei sehr eindrücklich das Martyrium der Rückkehrer, die durch erniedrigende Verhöre, durch die Androhung von Gefängnisstrafen oder der Ausweisung psychisch gebrochen wurden. Einige trieb der ungewisse Ausgang ihres Verfahrens wie auch die endlosen Schikanen sogar in den Freitod. Andere gaben dem Druck der Stasi nach und ließen sich als IMs anwerben, um bleiben und ihre Verwandten wieder sehen zu dürfen. Aussicht auf eine Rückkehr in ihr altes Leben, in ihre alten Berufe und gesellschaftlichen Positionen hatten die wenigsten. Viele mussten eine weniger qualifizierte Arbeit annehmen und sich nicht nur von den Stasi-Offizieren, sondern auch von den Nachbarn als Verräter und Staatsfeinde beschimpfen lassen. Die reuigen Rückkehrer sind nach den Aussagen eines Betroffenen "nie mehr in der DDR angekommen."

So haben die Opfer es dem Fernsehjournalisten erzählt, der aus Interviews, Stasiakten und der spärlichen Sekundärliteratur eine demnächst bei ZDF und Arte zu sehende Dokumentation gemacht hat. Dem Buch merkt man die filmische Verwertung an, sprachlich wie dramaturgisch. So exemplarisch die von ihm beschriebenen Schicksale und Situationen auch nach bisherigem Wissensstand sind, so suggestiv ist ihre Darstellung. Wenn das Heimweh einer rückkehrwilligen Frau mit den Worten "Eine eiserne Faust scheint ihr Herz zu umklammern. (...) Etwas drückt sie auf den Stuhl nimmt ihr alle Kraft" beschrieben wird, ist die Grenze vom Dokumentarischen zum Melodramatischen überschritten.

Um der Dramaturgie willen, werden die Erlebnisse der Opfer und die Erkenntnisse aus den Akten vom Autor zu einer fast romanhaften Geschichte zusammengeschweißt, in die historische Fakten, aber auch Mutmaßungen und eigene Interpretationen einfließen. So entsteht zwar ein ungemein lebendiges und anrührendes Bild, doch die Subjektivität der Quellen und der Sprache verzerren es bisweilen und lassen erkennen, dass der Autor vor allem die Unmenschlichkeit des DDR-Regimes hervorheben, aber keine abwägende Analyse vorlegen wollte. Das ist legitim und sicher auch im Sinne der traumatisierten Opfer. Aber das Phänomen der deutsch-deutschen Migration erhellt Stoll mit seinen gefühlsbetonten Momentaufnahmen kaum. Hinzu kommt, dass er mit einer Ausnahme nur die Zeit nach 1980 betrachtet, in der jährlich etwa 2.000 Menschen wieder in die DDR zurückkehrten. Politische wie wirtschaftliche Motive spielen in Stolls Biografien kaum eine Rolle.

Anders Stöver, der "Erstzuziehende" wie "Rückkehrer" in den Blick nimmt, und zwar von 1949 bis 1989. Dabei kommt er zu ebenso originellen wie differenzierten Erkenntnissen, die sich vor allem seiner erweiterten Perspektive und seiner theoretisch fundierten Fragestellung verdanken. So macht er für die unmittelbare Nachkriegszeit eine erstaunliche "Ostorientierung in der Bevölkerung" aus. Kommunistisch-sozialistische Ideen und westliche Demokratievorstellungen konkurrierten nach der katastrophalen Niederlage nämlich weitaus stärker miteinander, als man das angesichts der Überlegenheit des kapitalistischen Systems heute glauben mag. Stöver weist dies überzeugend an der "öffentlich ausgefochtenen Konkurrenz um das ‚bessere Modell'" nach, für das sowohl der Westen wie der Osten in Film, Rundfunk und Presse intensiv warben. Die Übersiedlungsfrage entwickelte sich klar zu einer Prestigefrage im deutsch-deutschen Sonderkonflikt. Für den Osten wurde sie langfristig auch eine Frage des Überlebens.

Eigennutz statt Ideologie

Nicht zu unterschätzen ist - zumindest theoretisch - auch die Anziehungskraft der ostdeutschen Verfassung, die im Gegensatz zur westdeutschen dem Bürger etwa ein Recht auf Arbeit oder eine "gesunde und ihren Bedürfnissen entsprechende Wohnung", aber auch die Gleichberechtigung aller Bürger und der Geschlechter versprach. Dass die Realität dann meist ganz anders aussah, wurde den Übersiedlern jedoch erst klar, als sie diese im Osten wirklich zu spüren bekamen. Weshalb bis zum Mauerbau auch knapp vierzig Prozent von ihnen wieder in den Westen zurückkehrten. Der bis 1961 relativ hohe Wanderungsstrom in den Osten basierte jedoch weniger auf falschen politischen Versprechungen und zu hohen Erwartungen, sondern hatte vor allem familiäre und soziale Gründe. Diese Beobachtung führt Stöver zu dem Schluss, dass die "Masse der Übersiedler in die DDR während des Kalten Krieges" in "politischem Desinteresse" handelte und für sie - wie für die meisten Migranten des 19. und 20. Jahrhunderts - der praktische Eigennutz und selten ein ideologisches Motiv maßgeblich war. Was für die Wanderer in den Osten wie für die Wanderer in den Westen gilt.

Das beweisen auch die von Stöver gesammelten Porträts prominenter Übersiedler, die wie die Bundeswehroffiziere Bruno Winzer und Adam von Gliga aus ökonomischen Gründen in den Osten flüchteten oder wie die Terroristen Susanne Albrecht und Inge Viett, die vor allem ihrer Verhaftung entkommen wollten. Selbst die Flucht des niedersächsischen Innenministers Günter Gereke oder des Chef des bundesdeutschen Verfassungsschutzes Otto John entpuppte sich nicht als Votum für die DDR, sondern war der naive Versuch, durch Verhandlungen einen dritten, ideologiefreien Weg für ganz Deutschland zu ebnen. Dass sie und andere West-Ost-Migranten sich aber die Freiheit nahmen, "normal" zu entscheiden, "jenseits der eigentlich erwarteten politischen Positionierungen des Kalten Krieges" müsste allerdings auch an Übersiedlerbiografien normaler Bürger überprüft werden. Bernd Stöver hat dafür einen eindrucksvollen Erklärungsansatz geliefert, der sich auch allen politischen Positionierungen entzieht und einen sachlichen Blick auf dieses polarisierende Thema erlaubt. Ulrich Stoll hingegen hat sich für die Schwarz-Weiß-Perspektive entschieden, die zwar das Leid der Opfer und die Perfidie der Täter, aber nicht das weitere historische Umfeld beleuchtet. Jörg von Bilavsky

Bernd Stöver:

Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler.

Verlag C.H. Beck, München 2009; 384 S., 24,90 €

Ulrich Stoll:

Einmal Freiheit und zurück. Die Geschichte der DDR-Rückkehrer.

Ch. Links Verlag, Berlin 2009; 208 S., 16,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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