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Annette Sach
Weitverzweigte Wurzeln

ZUWANDERER Immer mehr Abgeordnete des Bundestages haben eine Migrationsbiografie

Es war der Wahlabend 1994, als Omid Nouripour zum ersten Mal den neuen Abgeordneten Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) im Fernsehen sah und sprechen hörte - mit leicht schwäbischen Zungenschlag. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Nouripour - der seit 2006 für die Grünen im Parlament sitzt - wohl nicht, dass dies auch seinen Lebensweg beeinflussen könnte. Der Einzug des jungen Özdemir war damals noch eine kleine Sensation: Er war der erste Abgeordnete des Bundestages, dessen Eltern beide aus der Türkei stammten. "Mir war vorher nicht klar, dass das geht - und Politik jetzt nicht mehr allein eine Sache der "Urdeutschen" war", sagt Nouripour heute. Inzwischen haben sich die Dinge gewandelt. Während Nouripour wieder ins Parlament kommt, verfehlte Özdemir den erneuten Einzug in den Bundestag, ist aber mittlerweile Parteivorsitzender der Grünen.

Neben dem Politikberater Nouripour werden 15 weitere Abgeordnete mit einem so genannten Migrationshintergrund im neuen Bundestag vertreten sein. Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes zählt dazu jeder, der einen Elternteil ohne deutschen Pass hat. Unter ihnen stellen die Deutsch-Türken mit fünf Abgeordneten die größte Gruppe, andere haben verwandtschaftliche Verbindungen nach Indien, Polen, Kroatien, Iran oder nach Spanien. Nicht vertreten ist im Parlament allerdings die größte Zuwanderergruppe, die Aussiedler aus Osteuropa, die immerhin 2,5 Millionen Stimmberechtigte zählen.

Mit sechs Abgeordneten sind die meisten Mandatsträger aus Zuwandererfamilien bei den Grünen zu finden. In der SPD sind es vier und bei der Linken drei. Die Union verzeichnet eine Abgeordnete, deren Vater nicht aus Deutschland stammt. Auch bei den freien Demokraten sind erstmals zwei Abgeordnete einer neuen Zuwanderergeneration ins Parlament eingezogen. Einer von ihnen ist Bijan Djir-Sarai. Er kam mit elf Jahren allein aus dem Iran nach Deutschland, nach Grevenbroich. Schon seit seiner Schulzeit engagiert sich der Unternehmensberater in der Politik. Nach seiner Erfahrung spielt die Frage der Herkunft in seiner Partei keine entscheidende Rolle. Er werde auch nicht wegen seiner Herkunft auf ein Thema festgelegt, betont er.

Dennoch ist die Frage der Integration für ihn "eine Herzenssache". Er bedauert, "dass man nicht über Integration reden kann, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden". Zwar werde viel über das "politisch Korrekte geredet, aber nicht über die Sachlage". Wie viele seiner Abgeordnetenkollegen findet er, "dass viel zu selten von den Zuwanderern geredet wird, bei denen Integration geklappt hat, damit auch Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund Vorbilder haben", sagt Djir-Sarai.

Positive Vorbilder

Auch Michaela Noll setzt beim Thema Integration auf eine positive Identifikation. In der Union ist sie die einzige Abgeordnete mit einer Migrationsbiografie. "Ich entspreche nicht den gängigen Mustern", sagt die Rechtsanwältin aus Düsseldorf, deren Vater Iraner war. Als sie noch ihren Mädchennamen Tadjadod trug, wurde sie von ihrer Partei für den Bundestag aufgestellt, was sie heute als "einen mutigen Schritt" bezeichnet. Dabei hatte aber auch sie nicht das Gefühl, einseitig auf bestimmte Themen festgelegt zu werden.

Das Thema Integration ist für sie dennoch eine der "Schlüsselaufgaben". In der vergangenen Legislaturperiode hat sie als Berichterstatterin das Thema "Zwangsverheiratung" betreut. Die Sprachkompetenz ist für die Integration für sie besonders wichtig: "Die deutsche Sprache ist die Eintrittskarte in die Gesellschaft", sagt Noll.

Die ersten Worte, die Raju Sharma (Die Linke) lernte, waren Hindi. Kurz nach seiner Geburt wuchs er ein Jahr bei seinen Großeltern in Indien auf. Auch wenn er die Sprache heute nicht mehr spricht, spürt er: "Das ist auch meine Heimat." Er versteht sich als Teil einer Generation von Zuwanderern, die "ganz normal" aufgewachsen sind. Genauso selbstverständlich sollte es daher sein, dass sich Migranten in der Politik engagieren. Zu oft würden sie aber auf bestimmte Themenbereiche festgelegt: "Gerade für die migrationspolitischen Themen werden schnell mal Menschen mit ausländischen Namen ausgesucht", sagt Sharma. Er kennt die Integrationsprobleme aus eigener Erfahrung aus seinem Wahlkreis und wünscht sich mehr "niederschwellige Angebote für Migranten.

Während viele dieser Parlamentarier keine Unterschiede zu anderen Volksvertretern sehen, betrachtet sich Jossip Juratovic (SPD) durchaus nicht als "typischen Abgeordneten". "Ich bin nicht nur Exot durch meine Herkunft, sondern auch durch meinen Lebenslauf", sagt Juratovic.

Der Kfz-Mechaniker kam mit 15 Jahren aus Kroatien und hat 22 Jahre bei einem Autobauer in Neckarsulm gearbeitet - davon sieben Jahre am Fließband. "Es gibt in der Politik nur wenige, die hochkommen", weiß er. Und von denen wird besonders viel verlangt: "Es ist klar, dass man von mir mehr erwartet, weil ich einen größeren persönlichen Bezug zur Arbeitswelt habe", sagt der 50-Jährige.

Spiegelbild der Gesellschaft

Für ihn sind aber gerade unterschiedliche Lebensperspektiven für die politische Arbeit entscheidend: "Etwas mehr Spiegelbild der Gesellschaft zu sein, würde dem Parlament gut tun", betont er. Als Abgeordneter mit Migrationshintergrund definiert zu werden, ist für seinen Kollegen Nouripour allerdings ein zweischneidiges Schwert. "Es ist nervig, wenn ein Merkmal vor alle anderen gestellt wird", sagt er. "Aber auf der anderen Seite ist es auch schön, zu sehen, wie sich die Zusammensetzung des Parlaments in dieser Hinsicht in den letzten 15 Jahren verändert hat".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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