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Susann Kreutzmann
Schwerer Weg zur Wahrheit

SÜDAMERIKA Mit Wahrheitkommissionen sollen die Verbrechen der Militärdiktaturen aufgeklärt werden

In einer ruhigen Seitenstraße im Zentrum von Paraguays Hauptstadt Asunción steht das weiß gestrichene Haus im spanischen Kolonialstil. Das Tor steht offen und eine Bank im Vorgarten lädt zum Verweilen ein. Doch die Idylle trügt. Hinter der schmucken Fassade hatte sich fast 40 Jahre eines der brutalsten Folterzentren der Militärdiktatur in Paraguay versteckt. Systematisch wurden hier Oppositionelle gefangen gehalten, gefoltert und ermordet. Viele der Anwohner können sich noch knapp 20 Jahre nach Ende der Diktatur an die Schreie der Gefolterten erinnern. Noch heute befindet sich auf der anderen Straßenseite eine Polizeistation, die für Folter und Terror berüchtigt war. Im Schutz der Dunkelheit wurden die Gefangenen über die Straße in das Folterzentrum gebracht. Viele von ihnen "verschwanden" dort für immer.

Harmlose Tarnung

Der Rechtsanwalt Martin Almada war selbst Opfer des Terrorregimes unter General Alfredo Stroessner. Er wurde verschleppt und dreieinhalb Jahre gefangen gehalten. Mehrere Monate verbrachte er in "La Técnica", wie der Volksmund das geheime Gefängnis nannte. Offiziell trug es den harmlosen Namen "Nationales Zentrum für technische Angelegenheiten". "Jeden Morgen laufe ich den Weg von meiner Wohnung bis hierher", erzählt der 72-Jährige. "Und jeden Morgen kostet mich das neue Überwindung."

2006 hat der Menschenrechtsaktivist in den Räumen das "Museo de las Memorias" ("Museum der Erinnerungen") eingerichtet. Unermüdlich kämpft er darum, dass die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der paraguayischen Geschichte wach gehalten und aufgearbeitet wird. Auch auf sein jahrelanges Drängen hin wurde 2004 die "Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit" in Paraguay eingerichtet. Auf der Suche nach Zeugnissen von Menschenrechtsverletzungen half Almada damals der Zufall weiter. Ein anonymer Anruf brachte ihn in ein Hinterzimmer einer Kaserne in einen Vorort von Asunción. Dort entdeckte er das fast vollständige Archiv der Geheimpolizei, das nicht nur Auskunft über die Schicksale vieler Verschwundenen gab, sondern auch die länderübergreifende Zusammenarbeit der Diktaturen in Lateinamerika im Rahmen der "Operation Condor" belegte. Dank dieser Beweise konnte zahlreichen Militärs der Prozess gemacht werden. Die Täter wurden zwar verurteilt, doch kein Einziger von ihnen sitzt bislang hinter Gittern. Noch immer stehen Justiz und Staatsapparat in Paraguay der Partei des ehemaligen Diktators Stroessner nahe und verhindern die Umsetzung der Urteile.

Öffentliche Konfrontation

Wie schwer der Weg zur Wahrheit ist, zeigt die Geschichte vieler anderer ehemaliger lateinamerikanischer Militärdiktaturen. "Der Prozess der Aufklärung erstreckt sich schon über mehrere Jahrzehnte", sagt Professor Anika Oettler von der Universität Marburg. In vielen Ländern, die Diktaturen überwunden hatten, war die Justiz mit der Untersuchung der begangenen Verbrechen überfordert. Nicht als Ersatz für die strafrechtliche Verfolgung der Täter, sondern als Ergänzung wurden deshalb Wahrheits- und Versöhnungskommissionen eingerichtet. Ihre Aufgabe war es, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und einen gesellschaftlichen Dialog in Gang zu setzen.

Die erste Wahrheitskommission wurde Anfang der 1980er Jahre in Bolivien eingerichtet, um die Verbrechen der Militärdiktatur von 1964 bis 1982 zu untersuchen. Danach folgten offiziell eingesetzte Kommissionen zur Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen in Honduras, El Salvador, Guatemala und Peru. Meist ging es am Anfang darum, das Schicksal der hunderttausenden von Desaperecidos, den Verschwundenen, aufzuklären. Treibende Kraft waren die Angehörigen der Opfer. Erst später wurde der Aufgabenbereich der Kommissionen erweitert, die Arbeit professionalisiert. "In den meisten Fällen standen die Mitglieder einer Wahrheitskommission vor der Aufgabe, in nur wenigen Monaten ein Unternehmen zum Abschluss zu bringen, welches die Anhörung tausender Zeugen, die Formulierung von Empfehlungen und die Abfassung eines oftmals mehrere tausend Seiten umfassenden Abschlussberichtes umfasst", beschreibt Oettler das Aufgabenspektrum. Hinzu kam: Viel zu wenige Menschen sollten das mit zu wenig Geld bewältigen.

"Eine Kommission, die trotz knapper Ressourcen ein überraschend gutes Ergebnis vorgelegt hat, war die in Guatemala", sagt Oettler. Als erste konfrontierte sie die Täter nach dem Vorbild Südafrikas in öffentlichen Anhörungen mit ihren Verbrechen. In dem 1999 in Guatemala präsentierten Bericht schätzen die Kommissionsmitglieder die Zahl der Ermordeten auf 200.0000 und wiesen 626 Massaker nach.

In Argentinien gewann 1983 bei den ersten freien Wahlen Raul Alfonsin das Präsidentenamt. Seine erste Amtshandlung war die Einsetzung einer "Nationalen Kommission über das Verschwinden von Personen". Der 1984 veröffentliche Abschlussbericht unter dem Titel "Nunca Mas" ("Nie wieder") dokumentiert das Schicksal von 8.960 "Verschwundenen". Ein Jahr später begannen in Argentinien als erstem Land in Lateinamerika Prozesse gegen hohe Militärs, die mit lebenslangen Haftstrafen endeten. "Doch gerade in Argentinien hat es auch Rückschritte gegeben", sagt Oettler. So wurden viele verurteilte Täter begnadigt und Militärs in den darauffolgenden Jahren mit zahlreichen Amnestiegesetzen Straflosigkeit gewährt. Doch die Angehörigenorganisationen riefen zu zivilem Ungehorsam auf. Mit Flugblattaktionen machten sie Nachbarn darauf aufmerksam, wenn in ihrem Viertel ein Folterer wohnte.

Ähnlichen Druck machten auch Angehörige der Opfer in Chile. "Auch dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen", sagt Oettler. So seien beispielsweise der Aspekt der Folter und die strafrechtliche Verfolgung erst wesentlich später behandelt worden. Chiles Präsidentin Michelle Bachelet, die selbst aus ihrem Land flüchten musste und unter anderen in der damaligen DDR im Exil gelebt hat, forcierte die Aufklärung. Von Versöhnung spricht sie allerdings bis heute nicht; dafür sei es für viele Familien noch zu früh. Bachelet nennt den Prozess reencuentro - Wiederbegegnung.

Derzeit arbeitet noch in Kolumbien eine Wahrheitskommission, die das Schicksal von mehreren zehntausend Vermissten aufklären soll. Vor welch einer Mammutaufgabe die Mitglieder stehen, zeigen die Zahlen: 1.220 Massengräber wurden inzwischen ausgehoben. Jetzt ist man bemüht, die Identität der Toten festzustellen. Mehr als 120.000 Anzeigen von Opfern liegen der Staatsanwaltschaft vor. Experten schätzen, dass die Bearbeitung aller Fälle bis zu 90 Jahre dauern wird.

Auch in Brasilien kämpfen Menschenrechtsaktivisten 20 Jahre nach Ende der Militärdiktatur noch für die Öffnung aller Archive und die Einsetzung einer Wahrheitskommission. "Wir haben noch keinen einzigen Fall eines Verschwundenen aufgeklärt", kritisiert der Menschenrechtsanwalt und Politiker Luiz Eduardo Greenhalg. Die Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva habe eine historische Chance verpasst. "Es geht uns nicht um Rache, sondern um Gerechtigkeit, die nicht verjährt", sagt der ehemalige Abgeordnete.

Stumme Zeugen

Meistens haben die Militärs kurz vor Ende ihrer Herrschaft noch versucht, alle Spuren ihrer Gräueltaten zu vernichten. Oftmals ist es ihnen auch gelungen. Anders in Paraguay. "Wir wollen, dass die Räume hier authentisch sind. Wir haben alles nach Originaldokumenten rekonstruiert", sagt Martin Almada beim Rundgang durch sein Museum. In dem Verhörzimmer steht noch die Schreibmaschine und wirkt wie gerade verlassen. Auf dem Stuhl davor hat Almada auch schon gesessen. Daneben steht eine mit Wasser gefüllte Wanne und erinnert ihn an seine furchtbarsten Qualen. Immer wieder sei während der Verhöre sein Kopf unter Wasser gedrückt worden. "An uns wurden Folterinstrumente wie Waterboarding ausprobiert. Noch heute spüre ich diese Todesangst."

Über den Innerhof, nur ein paar Schritte entfernt, gelangt man zu den vergitterten Zellen. Ihre Böden sind voller Blutflecke, stumme Zeugen der Folter. "Die Erinnerungen sind immer gegenwärtig. Der Albtraum hört niemals auf", sagt Almada mit gepresster Stimme.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin und Sao Paolo.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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