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Marco Pecht
Das Vorbild Obama

INTERNET Eine Bilanz des Bundestagswahlkampfs im Netz

Sein Wahlkampf war das Vorbild vieler deutscher Politiker: Wie kaum ein anderer US-Präsidentschaftskandidat hat es Barack Obama verstanden, die Menschen zu mobilisieren - gerade über das Internet. Funktioniert das in Deutschland? So ganz wollen das hiesige Journalisten und Politiker nicht glauben. Die Beteiligung an der Bundestagswahl in diesem Jahr hat gezeigt, dass die Ansprache der Wähler über das Internet nicht der Stein der Weisen war. Und doch: Politiker twittern, bloggen und pflegen ihre Kontakte in Online-Netzwerken.

Die Frage, ob diese Web-Besessenheit im Superwahljahr 2009 noch etwas mit seriöser Politik oder politischem Journalismus zu tun hatte, stellten sich die Podiumsrunde "Wer beeinflusst wen? Politik und Journalismus im Superwahljahr" beim 14. Mainzer-Medien-Disput in der vergangenen Woche überschrieben, die versuchte, das Verhältnis von Politik und Journalismus in Wahlkampfzeiten zu beschreiben.

Doch irgendwie lag über allem der Blick auf das Internet. "Die Orientierung von Politikern an Obama war fatal", sagt Nils Minkmar, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das habe der Wahlkampf des SPD-Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier gezeigt: Die Instrumente von Obama hätten nicht zur deutschen Situation und zum Kandidaten gepasst, bilanziert Minkmar. Obwohl Steinmeier twitterte und sich in sozialen Netzwerken wie Facebook engagierte, zum Erfolg hat es nicht gereicht. Für den SPD-Landesvorsitzenden von Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, kein Grund, seine Netz-Aktivitäten einzustellen. "Twitter und Facebook sind etwas Ergänzendes und man wird von einem anderen Publikum wahrgenommen", sagte Stegner, der nach eigenen Angaben selbst twittert und sein Facebook-Profil pflegt.

Doch auch Journalisten sind im Wahljahr neue Wege gegangen, haben mit Blogs, Chats und Filmbeiträgen auf YouTube den Austausch mit Lesern und Zuschauern gesucht. "Das Wahljahr 2009 war ein Brückenjahr", stellt Bettina Schausten, Leiterin der Abteilung Innenpolitik des ZDF, fest. Noch aber hätten die Medien die Idealform der Informationsvermittlung nicht gefunden. "Wir haben vieles ausprobiert, davon ist auch einiges schief gegangen", lautet Schaustens Einschätzung. Gerade im Online-Segment müsse sehr deutlich gemacht werden, bei welchen Beiträgen es sich um Information und bei welchen um Meinung handele. Und trotzdem: Einige Wege hätten sich als sinnvoll herausgestellt. "Im Grunde machen wir nichts Neues. Heute holen wir uns online die Meinungen der Bürger in die Sendung, früher lief das per Telefon."

Ob damit mehr Austausch zwischen Bevölkerung und Politik zustande kommt, wollte beim Mainzer-Medien-Disput niemand klar beantworten. Skeptisch zu twitternden und bloggenden Politikern äußerte sich Sascha Langenbach, Chefreporter des Berliner Kurier: "Mit so etwas langweilt man die Leute." Politiker und Medien würden mit unsinnigen Beiträgen im Netz ihre Adressaten vergraulen, ist Langenbach überzeugt. Für den Online-Liebhaber Ralf Stegner kein Argument. Er selbst wolle auf diesen Kanälen bewusst nicht nur über trockene Politik berichten. Vielmehr gehe es darum, den Alltag von Politikern zu vermitteln. "Das interessiert offenbar genügend Menschen", ist er sich sicher.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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