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Uwe Höring
Megaseller aus der Wüste

RECHTE Händler und Exporteure verdienen prächtig an der Wunderpflanze Hoodia - die Entdecker ihrer Heilkraft dagegen gehen bislang leer aus

"Wir brauchen Land und Bildung, um unsere Rechte und Traditionen zu sichern", sagt Petrus Vaalbooi, viele Jahre Vorsitzender des San-Rats von Südafrika. Dafür braucht es auch Geld: Die Hoffnungen der indigenen Bevölkerung des südlichen Afrika richten sich auf Hoodia, eine kakteenartige Pflanze, die nur in der Halbwüste Kalahari heimisch ist. Doch trotz einiger Erfolge sind die San noch weit davon entfernt, ihre Träume umzusetzen. Dabei hatte lange so ausgesehen, als seien sie kurz vor dem Ziel.

Zu den wenigen Reichtümern der San gehören ihre Jahrtausende alte Kultur und Tradition - Felszeichnungen, Musik und Schmuck aus Straußeneiern - und ihr Wissen über die Wirkungen einheimischer Pflanzen. "Hoodia vertreibt Hunger und Durst und gibt Kraft", erklärt Vaalbooi. Wenn seine Vorfahren auf Jagd gingen, kamen sie daher wochenlang mit Wurzeln und Wildgemüse aus.

Für dieses Wissen interessierte sich auch das südafrikanische Forschungszentrum CSIR (Rat für wissenschaftliche und industrielle Forschung). Der Wirkstoff in Hoodia, der das Hungergefühl unterdrückt, wurde bestimmt, 1997 erhielt das Institut darauf das Patent. Die britische Firma Phytopharm erwarb die Verwertungsrechte und vergab eine Produktionslizenz an den US-Pharmariesen Pfizer. Hoodia-Präparate versprachen, auf dem wachsenden Markt für Schlankheitsmittel zum Megaseller zu werden. Und die San, auf deren Kenntnissen die "Erfindung" beruhte, wären leer ausgegangen.

Doch es kam anders. Zivile Organisationen und Medien wurden auf diesen Fall von Biopiraterie aufmerksam. CSIR hatte gegen die UN-Konvention "Biologische Vielfalt" von 1992 verstoßen, weil es ohne Zustimmung der San die Forschung vorantrieb und die Verpflichtung zum Vorteilsausgleich - die angemessene Beteiligung der San an der kommerziellen Nutzung - schlicht ignorierte. Die Forscher rechtfertigten sich, sie hätten abwarten wollen, ob mit dem Wirkstoff überhaupt Geld verdient werden könne. Lizenznehmer Phytopharm redete sich heraus, man habe geglaubt, die San seien längst ausgestorben. Schlagzeilen in den internationalen Medien hatten Erfolg: Im März 2003 stimmte CSIR zu, die San als traditionelle Eigentümer des Wissens anzuerkennen und an allen Einnahmen aus dem Patent zu beteiligen. Das Abkommen galt als Vorbild für andere indigene Völker, die um ihre Rechte kämpfen, und als großer Sieg für das Selbstbewusstsein der San. Um den in Aussicht stehenden Geldregen zwischen allen San-Gruppen zu verteilen, wurde ein Trust gegründet. Die Vorstellung von Millionen-Einnahmen trieb Axel Thoma, dem früheren Berater der Arbeitsgruppe indigener Minderheiten (WIMSA) in Namibia, allerdings "den Angstschweiß auf die Stirn". Denn die gerechte Verteilung zwischen den verschiedenen San-Gruppen, verstreut über das südliche Afrika, erfordere eine transparente Selbstverwaltung.

Doch solche Sorgen waren überflüssig, wenn auch aus anderen Gründen als erwartet. Zwar floss zunächst ein kleiner Betrag von CSIR an den Trust. Doch das Pharmaunternehmen Pfizer gab die Lizenz zurück. Und auch der Nahrungsmittelkonzern Unilever, der 2004 die Lizenz erwarb, um mit dem Wirkstoff neue Schlankheitsmittel zu entwickeln, zog sich im Januar 2009 zurück. Damit gibt es gegenwärtig keinen Interessenten für das CSIR-Patent.

Trotzdem wird mit der Vermarktung von Hoodia längst viel Geld verdient. Getrocknet werden die Pflanzen als Nahrungsmittelzusatz oder Diätergänzung vertrieben, meist über das Internet. Sammler plündern für den lukrativen, teils illegalen Handel die wild wachsenden Bestände, so dass Hoodia vom Aussterben bedroht ist. Und wieder gehen die San leer aus. Daher versuchen sie jetzt, sich an die Pflanzer und Exporteure zu halten. Angesichts der Nachfrage haben Farmer in Namibia und Südafrika mit dem kommerziellen Hoodia-Anbau begonnen. Verhandlungen brachten zunächst kleine Zahlungen für die San. Doch seither stecken die Gespräche fest, weil sich Händler und Exporteure weigern, Verkaufszahlen offen zu legen. Nach Schätzung von Thoma haben die San dadurch in den letzten drei Jahren etwa 500.000 Euro verloren. Jetzt müsse die Regierung die Pflanzer per Gesetz in die Pflicht nehmen, verlangt Roger Chennells, der Anwalt der San.

Der Todesstoß für die Hoffnungen der San auf Geldsegen durch Hoodia droht inzwischen von anderer Seite: Mit Pflanzenmaterial aus dem Südlichen Afrika wird Hoodia in Ländern außerhalb der Region kommerziell angebaut. Damit werden alle Absprachen unterlaufen und die San enteignet. So könnten die Entdecker der Wunderpflanze Hoodia am Ende mit leeren Händen dastehen.

Der Autor ist freiberuflicher Publizist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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