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Jerome Cholet
Exodus in der Kalahari

BOTSUANA Die Regierung geht skrupellos und brutal gegen die Ureinwohner vor

Seit mehr als zehntausend Jahren ist die Zentralkalahari Heimat der botsuanischen San, den - wie sie sich selbst nennen - "ersten Menschen der Kalahari". Zwar ist die flache Savannen- und Halbwüstenlandschaft mit ihren ausgedehnten Dünenformationen und einem Niederschlag von weniger als 30 Zentimetern pro Quadratmeter im Jahr äußerst lebensfeindlich. Ihre Einwohner haben sich der Trockenheit jedoch perfekt angepasst und als Jäger und Sammler überlebt. Erst die moderne botsuanische Regierung bedroht nun ihre Existenz.

Zwar wurde das riesige Wüstenbecken im Jahr 1961 in einen Nationalpark umgewandelt und zum Rückzugsgebiet für die San erklärt, in dem auch ihre wichtigsten Lebensgrundlagen, Wasserquellen und Wild, geschützt sind. Seit 1997 siedelt die Regierung die San jedoch zwangsweise um und schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. In drei Wellen wurden seitdem Männer, Frauen und Kinder von bewaffneten Rangern abgeführt oder durch die Zerstörung ihrer Brunnen und Wasservorräte sowie Jagdverbote vertrieben. "Wir wurden geschlagen, gefoltert und es wurde uns verboten zu jagen und zu sammeln", sagt Roy Sesana von der Organisation First People of the Kalahari (FPK). "Wer Widerstand leistete, wurde verhaftet."

Völkermord

Insgesamt leben im Südlichen Afrika etwa 90.000 San, verteilt auf Namibia, Südafrika und Botsuana. Viele kennen die meist klein gebauten und zahlreiche Schnalzlaute in ihrer Sprache vereinenden Buschbewohner aus dem Film "Die Götter müssen verrückt sein". Die Hälfte von ihnen zog einst als Nomaden in der Zentralkalahari umher, die etwa die Größe Dänemarks hat. Doch das ist nun Vergangenheit. "Die Regierung erkennt weder die Bodenrechte, noch Jagd- und Wasserrechte der San an. Das bedeutet ihr Ende. Wir können also von einem Völkermord sprechen", sagte Miriam Ross, Sprecherin der Organisation Survival International.

Eigentlich zählt Botsuana zu den Vorzeigestaaten Afrikas. "Die Wirtschaft ist aufgrund von Diamanten und Tourismus stark, die Demokratie stabil, die Regierung zuverlässig", sagt Stefan Mair, Afrika-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Botsuana ist ein vergleichsweise wohlhabendes Land, verfügt über ein hohes Einkommen und es gab auch im Umgang mit den Menschenrechten bislang nichts zu beanstanden." Vom Umgang mit den nomadischen Ureinwohnern einmal abgesehen.

Mitte der 1990er Jahre verkündete der damalige Präsident Festus Mogae, dass immer mehr Einwohner der Zentralkalahari zu siedelnden Landwirten geworden seien und ihr Lebensstil nicht mehr dem der Jäger und Sammler entspreche.

Der Nationalpark sei beschädigt, der Wildbestand gefährdet. Weil sich diese Begründungen - vor allem wegen weiterer Jagdlizenzen an private Safariunternehmen - jedoch als unglaubwürdig herausstellten, erfand die Regierung dann ansteckende Krankheiten der Haustiere der San. Schließlich versuchte sie die Umsiedlungen mit einer Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und der Überführung in die Moderne zu begründen. "Es liegt der botsuanischen Regierung sehr am Herzen, auch die Ureinwohner an den Lebensstandard der übrigen Bevölkerung des Landes heranzuführen", äußerte Präsident Mogae. "Das nomadische Volk kann nicht mit sozialen Einrichtungen und Infrastruktur versorgt werden, die Kinder hätten ohne regelmäßigen Schulbesuch keine Zukunft."

Rassismus

"Sicherlich ist es gut und richtig, dass sich die Regierung um die Schulbildung der San kümmert", sagt Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker. "Doch sind das nicht die tatsächlichen Motive. Die nomadisch lebenden Ureinwohner entziehen sich der Verwaltung und werden als primitiv, rückständig und unproduktiv angesehen. Da spielt Rassismus eine viel größere Rolle." Etwa 2.500 San leben heute in 63 Umsiedlerdörfern außerhalb der Zentralkalahari und werden von einer Rückkehr abgehalten. Zwar bietet die Regierung ihnen feste Unterkünfte, Schulen und Gesundheitsversorgung. Selbstmorde, Alkoholismus, Prostitution sowie HIV und Aids sind jedoch verbreitet. "Unsere Kinder werden in der Schule geschlagen und gehen nicht mehr hin", sagt Roy Sesana. "Manche von ihnen werden Prostituierte. Sie prügeln sich, weil sie gelangweilt und betrunken sind. So etwas haben wir vorher nie gesehen."

Die Zentralkalahari war für die San nicht einfach nur Lebensraum, sondern Heimat und bestimmte ihren Tages- und Jahresablauf. "In den Siedlungen gibt es keine Arbeitsplätze und kein Weideland, keine Feldfrüchte, die gesammelt und kein Wild, das gejagt werden könnte", sagt Delius. "Die Menschen wurden entwurzelt und zu Bittstellern gemacht. Ihnen wurde mit der Wüste auch die Identität genommen."

Vor der Vertreibung lebten die meisten Kalahari-San in Kleingruppen von vierzig bis zweihundert Menschen. Die Belange der Gruppe - wie die Jagd oder der regelmäßige Ortswechsel - wurden gemeinsam entschieden. Dabei spielten die Erfahrungen und Kenntnisse der Ältesten, aber auch die Überzeugungskraft der Jungen eine besondere Rolle. Die San brauchten keine Anführer - bis der Staat ihnen das Land nahm. Im Jahr 2002 organisierten sie sich daher in der Organisation "First People of the Kalahari", angeführt von Roy Sesana, und versuchten, ihr Recht vor dem Verfassungsgericht des Landes einzuklagen.

"Dabei bedeutet Anführer nicht, dass ich den Leuten sage, was sie zu tun haben. Im Gegenteil, sie sagen mir, was ich tun soll, um ihnen zu helfen", erklärt Sesana, der vom Stamm der Gana und Gwi stammt, als Jäger aufgewachsen ist und zum Heiler ausgebildet wurde. Zwar kann Sesana bis heute nicht schreiben und lesen, verband jedoch die Welt seiner Ahnen stets mit der Moderne. Bevor er sich als Menschenrechtsverteidiger engagierte, arbeitete er in den umliegenden Bergwerken. "Zur Arbeit zog ich zwar meine Felle aus und trug normale Kleidung. Aber nach einer Weile ging ich wieder nach Hause. Ich bin weiterhin Buschmann und möchte dort leben, wo Gott mich erschaffen hat."

Sesana vermutet hinter den Zwangsumsiedlungen seines Volkes vor allem lukrative Diamanten- und Tourismusinteressen der Regierung. Über die Hälfte der Deviseneinnahmen Botsuanas stammen aus dem Verkauf von Rohdiamanten. An der weltweit größten Diamantenfirma Debswana hält der Staat fünfzig Prozent. "Die Regierung hatte vor der internationalen Wirtschaftskrise riesige Pläne für Diamantenminen in der Zentralkalahari, die nun langsam wieder aufgegriffen werden", sagt Ross von Survival International. "Zudem hat sie Safariunternehmen im vergangenen Jahr erste Konzessionen für den Bau von Safari-Lodges in der Zentralkalahari verkauft."

Dabei setzt sich die Regierung selbst über das Verfassungsgericht hinweg. In dem bislang längsten Prozess der Geschichte des Landes urteilten die Richter im Dezember 2006 mit knapper Mehrheit, dass den San die Rückkehr in die Zentralkalahari ermöglicht werden müsse. Die Ureinwohner seien "mit Gewalt und unrechtmäßig von ihrem Land vertrieben worden und auch ihr Jagdverbot sei rechtswidrig", so lautete das Urteil. Verändert hat sich seitdem nichts. "Auf dem Papier konnten die San einen wichtigen Sieg erringen. In der Realität hat sich ihre Lage jedoch nicht verbessert", sagt Delius. "Nur wenige hundert San sind in ihre alte Heimat zurückgekehrt."

Minderheitenpolitik

Dort werden sie von den Behörden weiterhin schikaniert und immer wieder verhaftet. Allein in diesem Jahr wurden sechs Buschmänner festgenommen, weil sie in der Wüste gejagt hatten. Darüber hinaus schlossen Polizisten und Parkranger weitere Brunnen und beschlagnahmten das Vieh der Buschleute, das zahlenmäßig zwar gering, für das Überleben in der Wüste jedoch unabdingbar ist.

"Das Verhalten der botsuanischen Regierung spiegelt die Haltung zahlreicher afrikanischer Staaten gegenüber ihren nomadischen Minderheiten wider", erklärt Delius. "Wie die San werden in Mali und Niger auch die Tuareg und in Kenia die Massai behandelt." Die San sind zahlenmäßig nicht stark genug, um mehr internationale Aufmerksamkeit auf ihren Fall zu ziehen. Auch ein Aufruf des UN-Menschenrechtsrates im vergangenen Jahr blieb ohne Folgen. Menschenrechtsorganisationen und Journalisten wird der Kontakt erschwert.

"Teilweise verhielten sich die Aktivisten jedoch wie erleuchtete, paternalistische Ökosozialisten", kritisiert James Workman, amerikanischer Buchautor und San-Experte. "Das Verhalten der Regierung als Völkermord zu bezeichnen, führte zu einem starken Zerwürfnis." Derzeit liegen alle Gespräche auf Eis. Der neue Präsident Botsuanas, Ian Khama, lobte in seiner Antrittsrede zwar die Vielfalt der botsuanischen Einwohner. Eine Verhaltensänderung blieb jedoch aus. Nachbarstaaten wie Namibia zeigen, dass Tourismus, Diamantenabbau und die Existenz der Ureinwohner miteinander in Einklang zu bringen sind.

Die botsuanische Regierung verweigert sich jedoch einer konstruktiven Lösung. So wirbt das Tourismusministerium zwar mit den Buschleuten auf Plakaten und in Filmen, erklärt ihren Lebensstil aber als überholt und unwürdig. "Über Jahrtausende haben sich die San an die schweren Lebensbedingungen in der Wüste angepasst, sie haben die Ausdauerjagd erfunden und einen bewundernswerten Umgang mit den geringen Ressourcen", sagt Workman. "Eigentlich könnten wir von ihnen lernen. Doch vielleicht macht gerade das der botsuanischen Regierung Angst."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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