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Karl-Ludwig Günsche
Mitspieler der Macht

PRESSELANDSCHAFT Schwerer Neustart nach der Apartheid

Journalisten, Juristen und Menschenrechtsaktivisten aus der ganzen Welt stellen einmal im Jahr eine Art Atlas der Pressefreiheit zusammen. Afrika ist bei diesem Pressefreiheits-Ranking nach wie vor ein wirklich dunkler Kontinent: Nur sechs afrikanische Staaten sind im Bericht 2008 unter den ersten 50. Einer der wenigen afrikanischen Hoffungsträger ist Südafrika: Das Land am Kap liegt in Sachen Pressefreiheit auf Platz 36, gleichauf mit Staaten wie den USA oder Spanien.

Dabei hatte die junge Demokratie am Kap es schwer: Presse und Rundfunk im Südafrika der Nach-Apartheid blieben zum Großteil in den Händen ihrer alten Besitzer. Sie standen vor der ungeheuren Aufgabe, die Schatten der Vergangenheit abzuwerfen und das neue Südafrika glaubwürdig auf seinem Weg in die Zukunft zu begleiten. Der zur Legende gewordene südafrikanische Journalist und Gründer des "Institute for the Advancement of Journalism in South Africa", Allister Sparks, konstatierte schon 2003 süffisant-ironisch: "Auch wenn die südafrikanischen Medien nicht immer qualitativ hoch stehend arbeiten beziehungsweise insgesamt sehr boulevardesk und amerikanisiert sind, ist Südafrika in diesem Punkt ein 'trojanisches Pferd' westlichen Demokratieverständnisses in Afrika."

Störungsfrei verlief der Prozess der Transition der Medien allerdings nicht. Vor allem der Rundfunk- und Fernsehsender South African Broadcasting Corporation (SABC), der drei nationale TV-Programme ausstrahlt und mit seinen 18 Radiosendern alle elf offiziellen Landessprachen abdeckt, tut sich bis heute schwer, als freie Stimme in einer freien Mediengesellschaft zu wirken. 1936 wurde der SABC-Rundfunk als Monopol-Sender gegründet. Als eines der letzten Länder der Welt führte Südafrika 1976 landesweit das Fernsehen ein. Wie der Rundfunk war auch das Staatsfernsehen eine treue Stütze der Apartheidsregierung.

Nach der ersten demokratischen Wahl 1994 änderten sich die Verhältnisse beim SABC - nicht nur zum Besseren: Die Regierungspartei ANC entdeckte die SABC nicht nur als Möglichkeit, für treue Befreiungskämpfer Pfründe zu schaffen, sondern auch zur politischen Einflussnahme. Alle Schlüsselpositionen sind mit eingeschworenen ANC-Leuten besetzt. Im Präsidentschaftswahlkampf 2009 zeigte die SABC sich teilweise extrem parteiisch. Nachdem schon zu Thabo Mbekis Zeiten auf Druck des Präsidialamtes ein kritisches TV-Porträt des damaligen Präsidenten abgesetzt worden war, verhinderte die SABC trotz massiver öffentlicher Proteste die Ausstrahlung satirischer Sendungen über den amtierenden Präsidenten Jacob Zuma.

Während über die Wahlkampfauftaktveranstaltungen aller Parteien ausführlich und live berichtet wurde, wurde die mit Spannung erwartete Präsentation der ANC-Absplitterung COPE nur nachrichtlich erwähnt, weil - so die fadenscheinige Begründung - die neue Partei ja nicht im Parlament vertreten sei.

Stützpfeiler der Demokratie

Der Sender steckt zudem in einer schweren Finanzkrise: 2009 droht ein Verlust in Höhe von 784 Millionen Rand (rund 75 Millionen Euro). Millionen sollen verschleudert oder gar veruntreut worden sein. Die inneren Fraktionskämpfe zwischen Mbeki- und Zuma-Getreuen sowie das Finanzdesaster der SABC veranlassten den Sprecher der "TV Industry Emergency Coalition", Rehad Desai, bereits zu der Warnung, dass "die Krise des Senders zur Gefahr für die Demokratie" werden könnte. Die großen Zeitungsverlage schafften 1994 die Wende von Sprachrohren des Apartheidsregimes zu Stützpfeilern der Demokratie hingegen erstaunlich souverän - auch wenn die ANC-Regierung immer wieder Versuche unternommen hat, Druck auf die Medien auszuüben oder sie durch gesetzliche Maßnahmen an die Leine zu legen. Die südafrikanische Bürgergesellschaft und die Medien sind inzwischen selbstbewusst genug, solche Vorstöße zu vereiteln.

Vier Verlage teilen sich das Printgeschäft Südafrikas: "Naspers", mit rund 100 Titeln der größte und einflussreichste Verlag, ist auch im TV-Geschäft engagiert und auf Medienmärkten in Ausland aktiv.

Der Traditionsverlag hat das Monopol bei den afrikaans-sprachigen Printmedien. Flaggschiff ist "Die Burger". Der erste Chefredakteur des 1915 gegründeten Blattes war Daniel Malan, der 1948 als Premierminister die Apartheid zur offiziellen Politik erklärte. "Die Burger" ist heute mit einer Auflage von rund 100.000 Exemplaren die viertgrößte Zeitung Südafrikas und gilt als Leitmedien nicht nur für die liberalen Weißen. Bei "Naspers" erscheint auch die "Daily Sun", mit 500.000 Exemplaren größte Zeitung des Landes. Auch bei den Wochenzeitungen hält "Naspers" mit "City-Press", "Rapport" und "Sunday Sun" den Auflagenrekord.

Im "Avusa"-Verlag erscheinen die überregionalen Zeitungen "Business Day" (Auflage ca. 43.000) und "The Times" (ca. 130.000). Der "Business Day" gilt als eine der wenigen südafrikanischen Qualitätszeitungen. Die ebenfalls bei "Avusa" erscheinende "Sunday Times" beherrscht mit einer halben Million Auflage den Sonntagsmarkt.

Die dritte überregionale Tageszeitung ist "The Star" (ca. 170.000) aus dem Verlag Independent Newspapers. Mit insgesamt 18 Tages- und Wochenzeitungen beherrscht "Independent Newspapers" den Zeitungsmarkt in Johannesburg, Kapstadt, Durban und Pretoria.

Wenig Selbstkritik

Eine Sonderstellung nimmt der überregionale "Mail & Guardian" ein, eine unabhängige Wochenzeitung mit rund 50.000 Stück Auflage, die mehrheitlich dem Simbabwer Trevor Ncube gehört. Der "M&G" wurde unter dem Namen "Weekly Mail" 1985 von Journalisten, Geschäftsleuten und Akademikern als Gegengewicht zu den auf Apartheid-Kurs getrimmten Medien des damaligen Südafrika gegründet. Heute bietet er - neben dem politischen Monatsmagazin "Noseweek" - als einziges Printmedium ernst zu nehmenden und hochwertigen investigativen Journalismus.

Im Wahlkampf 2009 zeigte sich allerdings mit erschreckender Deutlichkeit, dass die meisten südafrikanischen Medien ihre Freiheit und Unabhängigkeit nur begrenzt nutzen. Frank Windeck, Medienexperte der Konrad-Adenauer-Stiftung in Johannesburg, konstatiert: "Im südafrikanischen Medienalltag paaren sich leider allzu oft lückenhafte Bildung der Redakteure mit fehlenden Kenntnissen über das politische System und werden durch mangelhafte journalistische Ausbildung weiter verschärft." Die Bilanz der ersten 100 Tage von Zuma als Staatspräsident fiel durchgängig positiv, wenn nicht gar enthusiastisch aus. Mac Maharaj, Lektor und Kolumnist der "Sunday Times", zeigt sich erschreckt "über so wenig Selbstkritik". Die Medien seien bei der Zuma-Berichterstattung zu Mitspielern geworden und hätten bewusst in Kauf genommen, dass sie von Interessengruppen manipuliert worden seien, schreibt er seinen Kollegen ins Stammbuch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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