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Marc Engelhardt
Koreaner scheitern mit Land-Leasing-Projekt

MADAGASKAR Bevölkerung protestiert gegen den Ausverkauf

Misswirtschaft und Korruption sind für die Bewohner Madagaskars keine Fremdworte: Auf der verarmten Inselrepublik ist es seit jeher so, dass einige wenige Mächtige über die Geschicke der Masse entscheiden. Doch seit Ende vergangenen Jahres haben auch die geduldigsten der 21 Millionen Madagassen ihre Fassung verloren: Schuld war ein einziger Deal.

"Die einzigen, die Geld machen, sind doch Ravalomanana und seine Bagage", regt sich etwa eine aufgebrachte Marktverkäuferin auf. Gemeint ist der inzwischen aus dem Land vertriebene Präsident Marc Ravalomanana, der eine Fläche halb so groß wie Belgien an den koreanischen Mischkonzern Daewoo verpachten wollte. "Kurz danach hat der Präsident sich eine neue Privatmaschine gekauft, die haben die doch finanziert", glaubt die Händlerin. Kostenpunkt für die umgebaute Boeing 737, die zuvor einem Disney-Manager gehörte: fast 50 Millionen Euro.

Daewoo hatte sich zunächst ganz freimütig über den Millionendeal geäußert. "Wir haben eine Verträglichkeitsstudie abgeschlossen und uns um konkrete Flächen beworben", sagte der zuständige Manager von Daewoo Logistics in Antananarivo, Saudaranta Tarigan, vor rund einem Jahr. "Um welche Flächen es sich genau handelt, wissen wir aber noch nicht." Auf einer Million Hektar wollten die Koreaner Futtermais für Schweine anbauen, auf weiteren 300.000 Hektar Ölpalmen, die für die Biodieselproduktion genutzt werden sollen. Dieses Land-Leasing wäre für das dicht bevölkerte Korea, das teure Grundnahrungsmittel importieren muss, ein Königsweg für die Agrarindustrie gewesen.

Madagaskar sollte im Gegenzug eine nicht genannte Summe bekommen, außerdem sollten 700.000 Menschen beschäftigt werden - unter ihnen allerdings viele Gastarbeiter aus Südafrika. "Das ist ein Skandal in einem Land, wo Ackerland und Nahrung Mangelware sind", regt sich ein Umweltschützer auf, der wegen der immer noch angespannten politischen Lage anonym bleiben will. "Lebensmittel werden immer teurer, wir brauchen die Flächen selber."

Mangelnde Glaubwürdigkeit

Die meisten Menschen auf der Rieseninsel sind Subsistenzbauern. Nur wenige Farmer bauen Vanille und Kaffee an, die beiden wichtigsten und verhältnismäßig ertragreichen Exportagrargüter. Bis heute leben trotz neuer Rohstofffunde mehr als zwei Drittel der Bevölkerung unterhalb des Existenzminimums von einem Dollar am Tag. Über Ravalomananas Regierung brach ein Sturm herein, den kaum jemand erwartet hatte. Madagaskars Landminister Marius Ratolojanahary ruderte als erster zurück: "Mehr als Absichtserklärungen gibt es bisher noch nicht." Angeblich gehe es nur um 100.000 Hektar, so der Minister. "Alles weitere muss man dann sehen." Doch diese Ausflüchte glauben weder die Menschen auf der Straße noch die Vertreter der wichtigsten Geberländer. "Madagaskar wird auf lange Sicht eines der wenigen afrikanischen Länder sein, wo die Armut zu- statt abnimmt", gibt sich etwa der inzwischen abgelöste Repräsentant des Internationalen Währungsfonds, der Belgier Pierre van den Boogaerde, konsterniert.

Der Skandal um das Land-Leasing ist einer der Hauptgründe dafür, dass auf Madagaskar inzwischen Andry Rajoelina regiert, der durch einen Volksaufstand und mit Unterstützung des Militärs an die Macht kam. Der Mittdreißiger, von Beruf Werber und Ex-DJ, nutzte den Aufruhr gegen Ravalomanana zu seinen Gunsten. "Madagaskars Land für madagassische Bauern" ist einer der Sprüche, mit denen Rajoelina bis heute großen Jubel bei seinen Anhängern hervorrufen kann.

Projekt auf Eis

Inzwischen hat Daewoo das Projekt auch offiziell auf Eis gelegt. Den meisten Bewohnern geht es unterdessen schlechter als noch vor einem Jahr. "Der Preis für Reis steigt fast täglich", ärgert sich Olivier, der gelegentlich als Fahrer jobbt. In den vergangenen Wochen hat er nur zwei Aufträge bekommen. "Dabei hatte Rajoelina bei seiner Amtseinführung doch versprochen, die Lebensmittel werden billiger." Reis ist das Grundnahrungsmittel der Madagassen, selbst mitten in der Hauptstadt sind die überschwemmten Felder angelegt. Besonders prekär ist die Lage auf dem Land: Im besonders armen Süden Madagaskars warnt das UN-Welternährungsprogramm WFP vor einer Versorgungskrise.

Schon der Gedanke, unter solchen Bedingungen Land an Dritte zu verpachten, scheint absurd.

Und doch ist der Daewoo-Deal auf Madagaskar kein Einzelfall in Afrika. So sollen in Kenias Tana-Flussdelta 40.000 Hektar Land an den Golfstaat Katar verpachtet werden - zum Anbau von Früchten und Gemüse. Ähnliche Projekte gibt es im Sudan und in Äthiopien.

Der Autor ist freier Afrika-Korrespondent in Nairobi.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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