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Editorial
Bernard Bode
Der Gewinner heißt Afrika

VON BERNARD BODE

Die wahren Fans haben sich den Termin schon dick im Kalender angestrichen: Ab dem 11. Juni 2010 ist wieder Fußballweltmeisterschaft - und zum ersten Mal überhaupt rollt der Ball dabei auf Afrikas Boden, genauer gesagt in den Stadien Südafrikas.

Nun wird manchem egal sein, auf welchem Kontinent das Ereignis stattfindet. Hauptsache, der Rasen ist bespielbar, es gibt zwei Tore und vier Eckfahnen, und es möge die beste Mannschaft am Ende gewinnen. Solche Fußballanhänger werden sich von dieser Themenausgabe kaum angesprochen fühlen, steht in ihr doch nicht das runde Leder im Vordergrund, sondern der Gastgeber und seine Region, das südliche Afrika.

Als die Fifa 2004 das Turnier nach Afrika vergab, waren nicht wenige Bedenken laut geworden. Bis heute fürchten manche, dass die WM im Fiasko endet. Die Probleme im südlichen Afrika sind immens: Simbabwe etwa ist eine veritable Diktatur, die von einem Greis mit Hilfe des Militärs regiert wird. Weiße Farmer fliehen aus dem Land, die Arbeitslosigkeit liegt bei 94 Prozent (Seiten 8 und 13). Und nicht nur im Simbabwe grassiert der Hunger, auch in den übrigen Staaten herrscht oft bitterste Armut.

Hinzu kommt die Aids-Problematik (Seite 10). Weltweit die meisten HIV-infizierten Menschen leben in Südafrika, Botsuana und Swasiland. Allein in Südafrika sind 5,7 Millionen Menschen HIV-positiv, Kinder werden Vollwaisen, die schon bei Geburt infiziert sind. Es fehlen Medikamente.

Dazu kommen soziale Spannungen, die sich in Ausschreitungen entladen wie etwa im Frühjahr vorigen Jahres, als junge schwarze Südafrikaner, zumeist arbeitslos und ohne Aussicht auf ein besseres Leben, Menschen aus Simbabwe und Mosambik totprügelten (Seite 3). Dabei hat sich das Klima nicht nur auf der Straße verändert, sondern in der Regierung selbst, wie der angesehene südafrikanische Karikaturist Zapiro feststellt: Die Pressefreiheit sei weit gefährdeter als noch vor 15 Jahren (Seite 2).

Gleichwohl irrt, wer glaubt, das alles seien Gründe, die WM nicht in Südafrika auszurichten. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Gerade im südlichen Teil des Kontinents wurden politische und wirtschaftliche Erfolge erzielt. Nach dem Abschütteln des Apartheid-Regimes in den frühen 1990er Jahren geht der Trend in mehreren Staaten der Region hin zur Demokratie. Und auch das Wirtschaftswachstum macht Fortschritte.

Trotz der gewaltigen Probleme, zu denen auch Korruption und Misswirtschaft zählen, stimmt die Richtung hoffnungsvoll (Seite 9). Und die Vergabe des Turniers löste eine Welle der Begeisterung aus, aus der viel positive Energie zu gewinnen ist. Endlich: Afrika! Endlich: Wir, der "hoffnungslose Kontinent"! Damit ist noch keines der Probleme gelöst. Und dennoch: Einen neuen Fußballweltmeister gibt es erst mit dem letzten Schlusspfiff. Gut ein halbes Jahr vor Beginn des Turniers steht dagegen ein anderer Gewinner schon fest: Afrika!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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