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ORTSTERMIN MIT DEM: 1.111.111 aUDIOGUIDE-NUTZER
Lydia Harder
»Meine Güte, welch großer Augenblick!«

Es ist ungemütlich in Berlin, als sich zwei Sachsen ans Ende der Besucherschlange vor dem Reichstagsgebäude stellen. Noch verläuft alles nach Plan. Carsten Fritzsche hat einen Schirm dabei, weiß aber nicht, ob er ihn aufspannen soll. Es tropft nicht vom Himmel, es sprüht wie aus einem Zerstäuber. Seine Partnerin Kathleen Schreiber schützt sich mit Wollmütze und Schal gegen die Dezemberkälte. Nach etwa zwei Wartestunden wird das Paar durch den Besuchereingang hoch zur Reichstagskuppel geschleust. Dort holen sie sich Audioguides ab, die seit einem halben Jahr Wissenswertes zum Bundestag und den Sehenswürdigkeiten vermitteln. "Dümmer werden Sie damit nicht", witzelt der Mitarbeiter, der ihnen die Geräte gibt.

Und dann kommt alles anders. Ein Mann geht auf sie zu. Es ist Rainer Wiebusch vom Besucherdienst des Bundestags. Er erklärt, dass einer von beiden der 1.111.111. Audioguide-Nutzer ist. "Wen darf ich beglückwünschen?", fragt Wiebusch. Carsten Fritzsche schiebt seine Freundin vor. Sie erfahren, dass sie gleich den Bundestagspräsidenten treffen, und gucken verwirrt. Dann fasst sich Fritzsche: "Das ist natürlich eine Ehre für uns." Wiebusch wollte nicht einfach den Millionsten Nutzer ehren. "Das machen ja alle." Jetzt erklärt er den Gewinnern, was die Geräte alles können, die in zehn Sprachen Ein- und Ausblicke von der Kuppel geben - darunter auch Türkisch, Polnisch und Holländisch. Die beiden nicken anerkennend.

Da biegt auch schon Präsident Norbert Lammert um die Ecke. "Meine Güte, welch großer Augenblick", sagt er schmunzelnd, "ein denkwürdiges Ereignis!" Wenn die Mitarbeiter beim Besucherdienst richtig gezählt haben, und daran zweifle er nicht, dann seien schon mehr als eine Million Menschen mit Audioguide durch die Kuppel gelaufen. Leider sei er noch nicht dazugekommen, sie selbst auszuprobieren. Lammert hat nicht viel Zeit. Vorher überreicht er den Besuchern aber noch einen Bildband über den Bundestag. Dann können Kathleen Schreiber und Carsten Fritzsche schließlich das tun, wofür sie aus dem sächsischen Delitzsch nach Berlin gekommen sind: Sightseeing. Vor zehn Jahren standen sie schon einmal hier. "Das war damals mein erster Besuch nach dem Mauerfall", sagt Fritzsche. Es bewege ihn heute noch, zwischen Ost und West hin und her spazieren zu können, einfach so. Schreiber blickt auf das Brandenburger Tor. "Das ist für mich der schönste Ort in Berlin", sagt sie. Zu DDR-Zeiten führten Klassenfahrten sie nach Ost-Berlin. Da habe sie das Tor nur aus der Ferne sehen können. Und nur von einer Seite. Heute erfahren die beiden Sachsen vom Audioguide, dass es den Propyläen auf der Akropolis in Athen nachempfunden wurde. Und dass der Tiergarten das kurfürstliche Jagdrevier war und die Charité als Pestkrankenhaus gegründet wurde. "Wir setzen unseren Rundgang fort", entscheidet der Audioguide. Die Technik beeindruckt die Gäste. Sie müssen die Erklärungen nicht selbst abrufen, das passiert automatisch durch ein System von Induktionsspulen in der Rampe. Das Gerät weiß immer, wo man ist und was man sieht. Demnächst folgen Versionen für Hör- und Sehbehinderte. Und ein Rundgang für Kinder wird gerade zusammen mit dem Kinderkanal entwickelt.

Dann ist das Paar ganz oben in der Kuppel angekommen und wird von der Stimme im Ohr aufgefordert, die Aussicht zu genießen. Leider ist an diesem grauen Tag nicht viel zu sehen. Auf dem Rückweg, hinab auf der 240 Meter langen Rampe, richtet sich der Fokus des Sprechers dann in das Innere des Gebäudes und erläutert die parlamentarischen Abläufe. Denn das Reichstagsgebäude bietet mehr als einen schönen Ausblick. Es ist das Herz der deutschen Demokratie - auch das soll die Audioführung vermitteln.

Zufrieden verlässt Kathleen Schreiber den Reichstag. Sie ruft ihre 18-jährige Tochter an: "Ich war die Einemillioneinhundertelftausendeinhundertelfte und der Bundestagspräsident hat mir gratuliert."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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