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Jörg von Bilavsky
Die Quellen des Fanatismus

Antisemitismus Ralf Georg Reuths Erklärung für Hitlers Judenhass greift zu kurz

Hitler ein früher Sozialdemokrat und Judenfreund? Eigentlich unvorstellbar. Nicht für Ralf Georg Reuth, seines Zeichens Historiker und Redakteur der "Bild"-Zeitung. Der vor allem als Biograf von Joseph Goebbels bekannt gewordene Autor hat die alten Quellen neu gedeutet und kommt zu der ebenso pointierten wie provokanten Erkenntnis: Der Gefreite aus Braunau liebäugelte noch bis April 1919 mit der Linken und entwickelte sich erst nach der Niederschlagung der Münchener Räterepublik und dem Versailler "Schmachfrieden" zum erbitterten Judenhasser.

Aber nicht nur das behauptet Reuth: Antisemitismus, Antibolschewismus und Antikapitalismus gingen in Hitlers Denken Hand in Hand und verschmolzen zu einem ideologischen Amalgam, das sein ganzes späteres politisches und militärisches Handeln steuerte: Die Abwehr des "jüdischen Bolschewismus" und "jüdischen Kapitalismus" als eine in sich geschlossene Weltanschauung und endgültiges Programm eines besessenen Diktators.

Reuths Thesen sind aber nicht wirklich neu. Reuth hat sie bereits in seiner vor acht Jahren erschienenen Hitler-Biografie zum Besten gegeben. Das Echo namhafter Rezensenten aus den Historischen Seminaren war eher kritisch als begeistert. Mangelnde Berücksichtigung aktueller Forschungserkenntnisse (Klaus Hildebrand) und eine allzu "Hitler-zentrierte Sicht" (Hans Mommsen) auf die Ereignisse legte man ihm damals zur Last. An die monumentalen Lebensdeutungen von Allan Bullock, Joachim Fest und Ian Kershaw reiche seine Arbeit wissenschaftlich nicht heran, lautete das recht einstimmige Fazit. Der engagierte und streitbare Publizist wollte diese Kritik anscheinend nicht auf sich sitzen lassen. Und so liest sich dieses anregend argumentierende und flüssig formulierte Buch wie eine Streitschrift, mitunter sogar als eine unterschwellige Abrechnung mit den früheren Hitler-Biografen. Vor allem den hochgelobten britischen Sozialhistoriker Kershaw nimmt er ins Visier und wirft ihm vor, Hitlers Judenhass als "stringente politisch-ideologische Entwicklung" zu deuten, genährt und befördert vom latenten Antisemitismus der wilhelminischen Epoche.

Gesinnungswandel

So sammelt Reuth auf Basis neuerer Forschungen akribisch Indizien, die das genaue Gegenteil beweisen sollen. Geradezu verbissen versucht er Hitlers jüdische Bekanntschaften in Wien als freundschaftlich, zumindest als leidenschaftslos zu charakterisieren und dessen "vierzehntägige Tätigkeit als Funktionsträger der Räterepublik" als ehrliches Bekenntnis zum Sozialismus zu deuten. Doch geschieht dies allein zu dem Zweck, seine These von der weitverbreiteten Gleichsetzung von Bolschewismus und Judentum als "zweifellos eine der Hauptursachen für den eskalierenden Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland" zu stützen. Hitlers "Kehrtwendung zum fanatischen Antisemiten", schreibt Reuth, sei nämlich parallel zum "antibolschewistisch-antisemitischen Hexensabbat" während der unmittelbaren Nachkriegswirren erfolgt.

Wie der abrupte Gesinnungswandel motiviert war, ob aus taktischen oder ideologischen Gründen, vermag Reuth nur unzureichend zu beantworten. "Hitler hatte sich blitzschnell den neuen Gegebenheiten angepasst", heißt es lapidar, als dieser im Frühjahr 1919 politisch von links- nach rechtsaußen wechselte. Doch dieser Wendepunkt müsste differenzierter gedeutet werden, um den ursprünglichen Motiven von Hitlers Judenhass auf den Grund zu kommen. Weder Kershaws noch Reuths Erklärungsansätze reichen aus, um Hitlers wahnwitzige Weltanschauung restlos zu verstehen. Ergiebiger wäre es sicher, wenn beide Historiker ihre mitunter monokausalen Pfade verließen und aufeinander zugingen. Denn es steht heute außer Frage, dass sich der Nährboden für den Holocaust nicht aus einer einzigen ideologischen Quelle speiste und von einer einzigen Persönlichkeit forciert wurde.

Ralf Georg Reuth:

Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit.

Piper Verlag, München 2009, 374 S., 22,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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