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Lutz Mäurer
Ohne Erbarmen

NAtionalsozialismus Mit seinem Band über den Zweiten Weltkrieg beendet Evans seine Trilogie über das Dritte Reich

Nie hat sich ein Volk mit größerer Begeisterung für eine schlechte Sache eingesetzt", schrieb 1945 die Hamburger Lehrerin Luise Solmitz angesichts der Niederlage Deutschlands. Wie in den vorangegangenen sechs Jahren die Nazis diese Begeisterung großer Teile der deutschen Bevölkerung nutzten, um einen totalen, weltumspannenden Krieg vom Zaun zu brechen, ist Thema des neuen Buches von Richard J. Evans. Der Experte für deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hat nun das Finale seines monumentalen Werkes "Das Dritte Reich" vorgelegt. Nach "Aufstieg" (2004) und "Diktatur" (2006) schildert Evans nun im dritten Band "Krieg" auf mehr als 1.000 Seiten, wie das NS-Regime den eigentlichen Zweck seiner Herrschaft offenbarte: Hitlers Ziel war der Krieg - zur Revision des Versailler Vertrags, zur Eroberung von sogenanntem "Lebensraum im Osten" und letztlich zur Erringung einer Weltmachtposition Deutschlands.

Das hat Hitler auch offen zugegeben: "Verfügt Deutschland wieder einmal über 220 bis 240 Divisionen, dann wird es sich das Recht nehmen und die Landkarte von 1918 entsprechend korrigieren", erklärte er bereits 1926 öffentlich. Dass dies nicht nur die Phrasen eines Biertischagitators waren, hat Evans bereits eindrucksvoll in den ersten beiden Bänden seiner Trilogie dargelegt: Nach der Machtergreifung bereitete das Regime die Deutschen in allen Bereichen der Gesellschaft auf den künftigen Waffengang vor. Gleichzeitig führten die Nazis innerhalb des Reiches einen erbarmungslosen Feldzug gegen ihre tatsächlichen und vermeintlichen Feinde: Juden, Kommunisten, Katholiken und andere.

Wille zur Vernichtung

Gegen Ende der 1930er Jahre wandte sich die Aggressivität des Nationalsozialismus' auch nach außen und bedrohte Nachbarstaaten des Deutschen Reiches: Nach dem "Anschluss" Österreichs und der "Zerschlagung" der Tschechoslowakei markierte der Überfall auf Polen den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Hier beginnt Evans' Darstellung. Bereits in Polen - und nicht wie mitunter suggeriert erst beim Überfall auf die Sowjetunion - zeigte sich der rassisch-ideologisch begründete Vernichtungswille der deutschen Kriegsführung. Vor dem Feldzug hatte Hitler seinen Generälen erklärt: "So habe ich (…) meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidlos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken." Den Polen im künftigen großgermanischen Reich wurde allenfalls eine Existenz als Sklavenvolk zugebilligt. Hinter der Front machten sich 1939 die Einsatzgruppen der SS daran, systematisch polnische Politiker, Akademiker, Juden und Katholiken zu ermorden.

Die deutsche Bevölkerung erfuhr zunächst kaum etwas von diesen Exzessen. Und ihre anfängliche Skepsis gegenüber dem deutschen Angriff war angesichts des raschen und erfolgreichen Feldzugs schnell verflogen. Der US-Journalist William L. Shirer, Korrespondent in Berlin, schrieb: "Ich muss den Deutschen erst noch finden - selbst unter denen, die das Regime nicht mögen -, der irgend etwas Schlechtes findet an der Zerstörung Polens durch Deutschland." Solche Passagen, die Mischung aus Fakten und Analyse auf der einen und erzählerische Elemente auf der anderen Seite, machen die Qualität von Evans' Schilderung aus. Sein Werk ist vor allem eine sozial- und mentalitätsgeschichtliche Darstellung, basierend auf Memoiren, Tagebüchern und Feldpostbriefen. Evans nimmt den Blickwinkel von Opfern und von Tätern, von Parteibonzen, Frontsoldaten, ausgebombten Großstädtern und KZ-Häftlingen gleichermaßen ein.

Wendepunkte

Wer eine klassische militärgeschichtliche Analyse des Frontgeschehens von 1939 bis 1945 sucht, sollte zu einem anderen Buch greifen. Evans blendet Nebenkriegsschauplätze aus. Er konzentriert sich auf die wichtigen Wendepunkte: die deutschen Siege über Polen und Frankreich, die Schlachten um Moskau und Stalingrad, die Ermordung der europäischen Juden und der alliierte Bombenkrieg gegen die deutschen Städte.

Wenn es um Schlachten und Strategien im Detail geht, schleichen sich bei Evans Ungenauigkeiten ein. So schildert er, wie Hitler im Zuge der Planungen für den Angriff auf Frankreich angeblich den entscheidenden Durchbruch durch die Ardennen vorschlug. Tatsächlich beruhte der am Ende erfolgreiche Operationsplan auf Überlegungen des Generals Erich von Manstein. Über solche scheinbaren Nebensächlichkeiten könnte hinweggesehen werden, wenn nicht Goebbels Propagandamaschinerie nach dem Sieg über Frankreich die Legende von Hitler als dem "Größten Feldherrn aller Zeiten" konstruiert hätte.

Souveräner ist Evans, wenn er zu den wichtigen Forschungskontroversen Stellung nimmt. Die Beteiligung von Teilen der Wehrmacht an der Ermordung der Juden ist für ihn erwiesen. Der Holocaust hat sich für Evans nicht, wie manche seiner Kollegen vertreten, als eine Art Selbstläufer aus der ideologisch-rassistischen Radikalisierung des Regimes heraus entwickelt. Der Autor ist überzeugt, dass auch dieses Verbrechen von oben, von Hitler und seinen wichtigsten Paladinen, von einer "umfassend koordinierten Politik unter zentraler Leitung" initiiert wurde.

Und was wussten die Deutschen von der Ermordung der Juden? Spätestens seit Ende 1942 war der industrielle Massenmord im Osten "eine Art offenes Geheimnis", resümiert Evans. Die BBC berichtete regelmäßig in deutschsprachigen Sendungen über die Morde in Osteuropa, und die unzähligen Augenzeugenberichte von Fronturlaubern taten ihr Übriges. Schließlich war das Regime selbst mitunter sehr offen. In seiner Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 wurde Joseph Goebbels mit einem absichtlichen Versprecher recht deutlich: "Deutschland jedenfalls hat nicht die Absicht, sich dieser jüdischen Bedrohung zu beugen, sondern vielmehr ihr rechtzeitig, wenn nötig unter vollkommener und radikalster Ausrott-, -schaltung des Judentums, entgegen zu treten." Dass viele Deutsche Kenntnis vom Holocaust hatten, heißt allerdings nicht, dass die Bevölkerung diese Verbrechen billigte. Inwiefern die Ermordung der Juden unter den Deutschen auf Zustimmung stieß, kann Evans nicht beantworten und muss noch erforscht werden.

Zweifelhafte These

In der Debatte um Zweck und Legitimität des alliierten Bombenkriegs ist Evans' Position eindeutig: Zum einen hätten die Luftangriffe die deutsche Kriegswirtschaft nachhaltig geschädigt, zum anderen die Moral der Bevölkerung geschwächt. Letztere These darf bezweifelt werden. Und Überlegungen, ob es nicht effektiver gewesen wäre, die gewaltigen Mittel für den alliierten Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung in andere Waffen und Technologien zu investieren, lässt der Cambridge-Professor nicht zu.

Dennoch: Evans' Bemühung, eine Gesamtdarstellung des Dritten Reiches zu schreiben, hat sich gelohnt. Studien zu Einzelaspekten der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkriegs gibt es unzählige. Mit "Das Dritte Reich" liegt nun eine Gesamtdarstellung vor, die das Zeug zum Standardwerk hat. "Das Buch ist dazu gedacht", hofft der Autor, "vom Anfang bis zum Ende gelesen zu werden." Und diese Aufgabe macht Evans dem Leser dank seines hervorragenden Erzählstils leicht. Wer die 3.000 Seiten der Trilogie studiert hat, erkennt, dass alle Schlussstrich-Debatten überflüssig sind. Dieses Thema, das unselige Wirken des Nationalsozialismus', wird so schnell nicht an Relevanz verlieren. Evans' eindringliches Abschluss-Plädoyer macht dies deutlich: "Das Erbe des Dritten Reiches (…) reicht weit über Deutschland und Europa hinaus. Das Dritte Reich zeigt in zugespitztester Form die Potentiale und Konsequenzen des menschlichen Hasses und der Destruktivität auf, die, und sei es auch nur in geringem Umfang, in allen von uns vorhanden sind. (…) Es zeigt, wohin es führen kann, wenn manche Menschen als weniger menschlich behandelt werden als andere. (…) Das ist der Grund, weshalb das Dritte Reich nicht verschwinden wird, sondern auch weiterhin die Aufmerksamkeit denkender Menschen in aller Welt mit Beschlag belegt, lange nachdem es Geschichte geworden ist."

Die Hamburger Lehrerin Luise Solmitz, eine geläuterte ehemalige Nationalsozialistin, brachte den historischen Stellenwert des Dritten Reiches 1945 in ihrem Tagebuch auf den Punkt: "Der Nationalsozialismus hat die Laster und Verbrechen aller Jahrhunderte zusammengetragen."

Richard J. Evans:

Das Dritte Reich. Krieg. Band III.

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009; 1.151 S., 49,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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