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Aschot Manutscharjan
Auf den Spuren des Grauens

VÖLKERMORD Daniel Jonah Goldhagens neuer Beitrag zur Genozidforschung vermag einmal mehr nicht zu überzeugen. Zu selektiv, widersprüchlich und auch polemisch präsentiert der amerikanische Wissenschaftler seine Argumente

Daniel Goldhagen provoziert gerne - dadurch machte er sich in Deutschland bekannt. Bis heute stehen seine Bücher auf den Bestsellerlisten. Die Studien des Soziologen und Politikwissenschaftlers über die Deutschen als "Hitlers willige Helfer" oder über die Rolle der katholischen Kirche während des Völkermords an den europäischen Juden sind vielen Menschen hierzulande zwar ein Ärgernis, aber das kümmert Goldhagen wenig. Gleichwohl muss auch der Provokateur seine überspitzten Thesen wissenschaftlich belegen. Im Falle Goldhagens führt dies dazu, dass seine Studien Konstrukten gleichen, für die Fachkollegen oft nur noch ein Kopfschütteln übrig haben. Zu häufig wurden seine Aussagen widerlegt, musste sich der Soziologe korrigieren. Das hielt den eitlen amerikanischen Publizisten aber nicht davon ab, der Historikerin Ruth Bettina Birn mit einer Klage zu drohen, die ihm Tricksereien im Umgang mit dem Quellenmaterial nachweisen konnte und damit seinem Renommee schweren Schaden zufügte.

Dessen ungeachtet melden sich inzwischen immer mehr Wissenschaftler zu Wort, die seinem Ansatz vom angeblich ewigen "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen als der zentralen Erklärung für den Holocaust widersprechen.

In seinem neuesten Buch beschäftigt sich Goldhagen erneut mit dem Phänomen "Völkermord". Keine Überraschung: Der Soziologe will auf einem Themenfeld punkten, das einem Wissenschaftler öffentliche Aufmerksamkeit garantiert. Dabei bleibt er sich treu: in gewohnt belehrendem, moralisierendem Unterton stellt er seine Genozid-Definition vor und macht deutlich, wie diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Zukunft verhindert werden könnten. Für diejenigen, die sein 700-seitiges Werk nicht lesen wollen, gibt es einen Begleitfilm, in dem er das Thema multimedial an den Ereignisorten und mit O-Tönen von Zeitzeugen vermarktet.

Zivilopfer

Wie in seinen früheren Arbeiten, so will der Autor auch jetzt wieder provozieren - und beginnt damit auf dem Buchumschlag. "Schlimmer als Krieg" seien Völkermorde, wie der Aufmerksamkeit heischende Titel verkündet. Bei Kriegen, so begründet Goldhagen seine These, stehe die Vernichtung der Zivilbevölkerung nicht im Mittelpunkt. Diese These ist nicht neu und vermag spätestens seit dem 20. Jahrhundert nicht mehr wirklich zu überzeugen: Bereits während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges wurden die Kampfhandlungen auf die Zivilbevölkerung ausgedehnt, Millionen Frauen, Kinder und Alte starben - insgesamt weitaus mehr Menschen als in Folge von Genoziden. Dass Goldhagens Versuch, die Opfer gegeneinander aufzurechnen, zynisch, moralisch und wissenschaft- lich verwerflich ist, muss nicht eigens betont werden. Dass er dabei deduktiv vorgeht, also eine These aufstellt und sie aus den vorhandenen Fakten zu beweisen sucht, alle gegenteiligen Belege aber unterschlägt, macht seine Vorgehensweise nicht besser. So bezieht der Politikerwissenschaftler den Vietnam-Krieg oder die Aggression der Sowjetunion gegen Afghanistan gar nicht erst in seine Analyse ein. Zudem widerspricht er sich des Öfteren selbst: Einerseits kritisiert er den "selektiven Interventionismus" der amerikanischen Regierung unter Präsident George W. Bush, andererseits fordert er die Demokratien auf, Diktatoren gezielt zu töten.

Goldhagens Bestreben, den Leser zu schockieren, wird der wissenschaftlichen Aufklärung des Phänomens "Völkermord" nicht gerecht: So bezichtigt er US-Präsident Harry Truman wegen der Atombombenabwürfe "vorsätzlicher Massaker" und der "Massenvernichtung der Japaner". Obwohl der Autor daran festhält, dass Völkermorde schlimmer als Kriege seien, relativiert er sie, indem er Kriegsverbrechen auf dieselbe Stufe mit Genoziden stellt. Laut Goldhagen handelte der "Massenmörder" Truman genauso verwerflich wie Hitler. Das Beispiel dieses amerikanischen Präsidenten zeige, wie der Autor betont, dass "wir den vielen Trugschlüssen und Selbsttäuschungen ein Ende setzen" müssten, die das "eigentliche Geschehen vernebeln und unser Urteil trüben". Auch wenn sich Goldhagen ausdrücklich zur Objektivität der Wissenschaft bekennt, in seiner Studie erfüllt er die selbst gesteckten Ansprüche in keiner Weise.

Eliminationismus

Abgesehen davon verzichtet Goldhagen darauf, die Begriffe Krieg, Massaker, Völkermord und Massenmord zu konkretisieren. Anstelle der Bezeichnung "Völkermord" führt er lieber den Begriff "Eliminationismus" ein. Insgesamt gebe es fünf verschiedene Optionen des Eliminationismus: eliminatorische Transformation, Unterdrückung, Vertreibung, Reproduktionsverhinderung und schließlich die Vernichtung. Der Holocaust stehe dabei für die unvergleichbare Form der "eliminatorischen Vernichtung".

Für seine Thesen über Genesis und Verlauf von Genoziden führt Goldhagen die Völkermorde an den Armeniern in der Türkei und an den Tutsi in Ruanda als Bestätigung an. Ebenfalls nicht neu ist Goldhagens Vorstoß, die politisch motivierten Massenmorde der Kommunisten in der Sowjetunion und in China unter die Völkermords-Definition zu subsumieren.

Singularität

Zur polemischen Seite des Buches gehören die Überlegungen des Autors zur Singularität des seiner Meinung nach einzig vollendeten Völkermordes: der Vernichtung der europäischen Juden. Die internationale Genozidforschung stellte mit dem Hinweis auf die Völkermorde an den Armeniern und den Tutsi die Singularität dieses Menschheitsverbrechens wiederholt in Frage. So verweist der Historiker Ben Kiernan darauf, dass es in der Geschichte immer wieder Genozide gegeben habe mit dem Ziel, ganze Völker auszurotten. Andererseits erinnert Kiernan daran, dass jedes historische Ereignis einmalig sei.

Während die Fachwelt die Singularität des Holocaust mit der Organisation des industrialisierten Massenmordes - beispielsweise durch den Einsatz der Gaskammern - begründet, lehnt Goldhagen dieses Argument als Beleg für die Einmaligkeit der Shoa ab. Vielmehr sei der Holocaust deshalb singulär, weil sich eine internationale Völkerkoalition zusammengefunden habe, um alle Mitglieder einer Opfergruppe zu vernichten. Das lässt aufhorchen: Hatte sich Goldhagen in seinen früheren Büchern nicht immer nur auf die willigen Deutschen als Tätergruppe konzentriert?

Goldhagen reiht den Völkermord an den Armeniern nicht in die oberste Kategorie seiner Völkermord-Definition ein - schließlich hätten bei den christlichen Armeniern einige Kinder überlebt. Die Türken hätten sie ihren Familien entrissen und zwangsislamisiert. Folgt man dieser Argumentation, handelte es sich auch bei der Shoah nicht um einen endgültigen Völkermord, schließlich überlebten einige jüdische Häftlinge die Konzentrationslager. Aber auf eine solche absurde Diskussion sollte sich niemand ernsthaft einlassen.

Daniel Jonah Goldhagen:

Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist.

Siedler Verlag, München 2009; 685 S., 29,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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