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ORTSTERMIN: AN WEIBERFASTNACHT IM BUNDESTAG
Lydia Harder
»Namen sind Schall und Rauch«

Während die Kölner nur aus der Haustür fallen müssen, begeben sich die Berliner Karnevalisten jedes Jahr auf die angestrengte Suche nach närrischem Frohsinn. Auf den Straßen der Hauptstadt ist im Moment lediglich eine Jahreszeit zu sehen, und das ist nicht die fünfte, sondern der ewige Winter. Aber auch hier finden Jecken, wenn sie sie suchen, ihre Oasen. Schließlich haben die Rheinländer vor zehn Jahren mit Umzug des Bundestages ihre Narrenkultur im unterkühlten Preußen ausgesät. Und so langsam trägt diese Beharrlichkeit Früchte - wenn auch nicht so massenhaft wie im Rheinland.

Sogar Urberliner kommen auf den Geschmack. Der Hauptmann von Köpenick etwa verteilt heute Kölsch und Küsschen. Er ist bärtig und bärig, seit zehn Jahren feiert er in dieser Uniform Weiberfastnacht im Bundestag. "Sonst erkennt man mich nicht." Und wie wird ein Berliner zum Jecken? "Ich hatte ein paar Bonner Jahre", erklärt der Hauptmann. Dort habe er die Lieder gelernt, manche Texte aber erst nach Jahren verstanden. Zum Rosenmontag reist er nun immer nach Köln. Die nächste Ladung Kölsch-Stangen kommt, er stößt mit einer Scheherazade an, die ihr Gesicht hinter einem blauen Seidenschleier verbirgt. Beim Karneval, dem Maskenball des Volkes, spielt jeder ein bisschen mit seiner Identität. "Namen sind Schall und Rauch", antwortet der Hauptmann, wenn man ihn nach seinem Namen fragt. Und was er in Bonn gearbeitet habe? "Ich war Geschäftsführer einer Volkspartei." Dann tönt lautstark "Viva Colonia" aus den Boxen, alles singt, alles schunkelt.

Nicht jeder Kostümierte bleibt unerkannt: Ein Mann trägt Cowboy-Hut und Glitzerweste, sieht aber ansonsten aus wie der Direktor beim Deutschen Bundestages, Hans-Joachim Stelzl. Der Staatssekretär erzählt, dass er in der Bonner Republik zum Karneval "angeleitet" wurde und seitdem "naturalisierter Rheinländer" sei. Er erinnert sich, wie nach dem Umzug des Parlaments "die nach Karneval glühenden Rheinländer" zum ersten Mal in der Hauptstadt feierten. "Anfangs waren fast nur Funktionäre und Tanzgarden da, aber kaum Zuschauer", erzählt Stelzl. Das änderte sich dann schnell, heute feiert der halbe Bundestag mit. Aber wie in Bonn ist das doch hier nicht, oder? "Warten Sie mal noch zwei Stunden ab, dann kriegen Sie keinen Fuß mehr vor den anderen." Spricht's und verschwindet im Dickicht der bunten tanzenden Menge, durch die sich die ersten Polonaisen bahnen - in der umgebauten Kantine des Jakob-Kaiser-Hauses.

Davon unbeeindruckt liegen sich ein Polizist und eine Nonne mit unchristlich kurzem Rock in den Armen. Caesar steht kerzengerade wie ein römischer Feldherr daneben und schaut dem Funkemariechen beim Spagat zu. Beliebtes Accessoire vieler Närrinnen sind wie immer die Teufelshörner.

Zwölf Verwaltungsmitarbeiter haben sich in diesem Jahr aber mal etwas Neues ausgedacht. Sie tragen weiße Kittel, Fieberthermometer, Messer und Bohrer. Blutige Lappen schauen unter ihren Gewändern hervor. Ein junger Mitarbeiter aus einem Personalreferat erklärt: "Wir sind vom betrieblichen Gesundheitsmanagement." In diesem Jahr habe es im Bundestag einen hohen Krankenstand gegegeben, erzählt er, deswegen gebe es jetzt Maßnahmen im Gesundheitsmanagement. "Und wir haben das schon mal vorweggenommen."

Das Berliner Prinzenpaar wird von Direktor Stelzl und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) begrüßt. Es gibt Bützchen links, Bützchen rechts , Prinz Andreas II. wedelt majestätisch mit seinen Fasanenfedern am Hut und schwingt sei Zepter. "Beim Karneval hält das einfache Volk der Obrigkeit den Spiegel vor", sagt eine Frau mit Hasenöhrchen. "Es gibt keine Schranken, alle sind gleich." Auch im Kasino fallen nach und nach die Schranken, ein Scheich und ein Mönch trinken Brüderschaft. Als Kanzlerin oder Außenminister ist heute allerdings niemand verkleidet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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