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Parlamentarisches Profil
Sandra Schmid
In Oskars Fußstapfen: Yvonne Ploetz

Die Mitarbeiter des Wahlkreis- und Bundestagsbüros von Oskar Lafontaine werden sich umstellen müssen: Statt des 67-jährigen Vorsitzenden der Partei Die Linke ist ihre Chefin von nun an eine 25-jährige politische Newcomerin: Yvonne Ploetz. Die Studentin der Fächer Politik, Kunstgeschichte und Soziologie hat nach Lafontaines krankheitsbedingtem Rückzug aus der Bundespolitik seit Februar dessen Sitz im Bundestag übernommen, sie ist für ihn über die saarländische Landesliste nachgerückt. Eine Überraschung - vor allem für Ploetz: Die Saarländerin, die im 25 Kilometer von Saarbrücken entfernten Gersheim lebt, hat nämlich "nie damit gerechnet", so ad hoc ins Parlament einzuziehen.

Bei der Wahl im September war Ploetz zwar auf dem dritten Listenplatz angetreten, hinter Oskar Lafontaine und dem Geschäftsführer der Linken im Saarland, Thomas Lutze. Doch mit der Kandidatur habe sie sich eigentlich zunächst "politisch ausprobieren"wollen, so Ploetz. Ein Wechsel nach Berlin war nicht geplant. Doch als der scheidende Linken-Chef und Co-Fraktionsvorsitzende sie dann vor ein paar Wochen fragte, ob sie seine Nachfolgerin im Parlament werden wolle, zögerte Ploetz nicht lange und ließ via Twitter wissen: "Nun werde ich tatsächlich in den Bundestag einziehen... Mit einem riesigen Respekt vor der Aufgabe, aber auch mit großer Leidenschaft!"

Leidenschaft bewies Ploetz bereits vor der Bundestagswahl: Ihre Rede, mit der sie sich auf der Landesversammlung der Linken im April 2009 für einen Listenplatz bewarb, war offenbar so mitreißend, dass die Delegierten sie immer wieder laut klatschend unterbrachen: Nur die Linke stehe "in wirklichem Kontrast zum Egoismus und zur Profitgier des Kapitalismus", hatte Ploetz vorher betont und "Politik aus tiefstem Herzen" und "linken Idealismus" versprochen.

Dabei ist Ploetz, fast schwarzes, kurzes Haar und ein Piercing über der Oberlippe, durchaus nicht auf schnurgeradem Weg zur Linkspartei gekommen: Mit 14 Jahren trat sie zunächst in die Junge Union (JU), die Nachwuchsorganisation der CDU, ein. "Zu dieser Zeit gab es in der ganzen Umgebung nichts anderes", sagt Ploetz. "Und wenn man sich für junge Leute einsetzen wollte, dann musste man es eben über diese Plattform tun. Richtig heimisch gefühlt habe ich mich dort aber nie", erinnert sie sich. Insbesondere in der Bildungspolitik entfernte sich Ploetz zunehmend von christdemokratischen Positionen: "Dieses Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem und das Fördern von Eliten - das hat mich sehr gestört." Ploetz verließ mit 18 die JU, trat mit 21 in die PDS ein. Oskar Lafontaine hatte zuvor sein Engagement für ein Linksbündnis angekündigt. Heute führt die Nachwuchspolitikerin den Ortsverband in Blieskastel, der Nachbargemeinde ihrer Heimatstadt. In einem Parlament allerdings saß sie noch nie - auch nicht in einem Gemeinderat.

Der Sprung in den Bundestag ist somit eine große Herausforderung: Wie groß, das scheint Yvonne Ploetz inzwischen zu dämmern - nicht nur, weil sie als Jüngste in der Linksfraktion ihren Platz und ihren Arbeitschwerpunkt noch finden muss. Sondern auch, weil sie, die bis gerade eben noch auf Uni-Klausuren lernte, plötzlich eine Wohnung in Berlin suchen und ein Abgeordnetenbüro organisieren muss. "Es ist ganz schön anstrengend, sein Leben von einem Tag auf den anderen komplett umzukrempeln...", twitterte die Neu-Parlamentarierin bereits zwei Tage nachdem sie zu Lafontaines Nachfolgerin gekürt worden war. Zum Glück steht ihr jetzt nicht nur die Fraktion beratend zur Seite, sondern auch ihr Vorgänger: Rund "1.000 Fragen" habe er ihr kürzlich in einem Gespräch beantwortet, erzählt Ploetz.

"Natürlich freue ich mich riesig", sagt sie über ihre neue Aufgabe. Aber es sei auch nicht leicht: "Ich rücke schließlich für Oskar Lafontaine in den Bundestag nach, dessen Fußstapfen riesig sind, und den ich eigentlich lieber noch länger in der Bundespolitik gesehen hätte." Ersetzen kann sie ihn nicht. Doch dass die Linke auch ohne ihn erfolgreich bleibt, glaubt Yvonne Ploetz schon. Zumindest stimmte sie kürzlich bei einer Online-Umfrage zu dieser Frage mit "Ja".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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