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Jörg von Bilavsky
Reden und reden lassen

Politische Rhetorik Zwei Hörbücher präsentieren deutsche Politiker im O-Ton

Politiker sind leichte Beute für Satiriker. Hohn und Spott ist den Volksvertretern immer dann sicher, wenn sie sich wieder einmal versprechen oder widersprechen. Wer sich also über die Parlamentarier lustig machen oder sie als Maulhelden entlarven möchte, kann auf einen reichen Fundus zurückgreifen, seien es Bundestagsdebatten, Wahlkampfreden oder Interviews. Ulrich Sonnenschein, Redakteur des Hessischen Rundfunks, und der Frankfurter Schriftsteller Jürgen Roth haben diesen Zitatenschatz geplündert und zu ganz eigenwilligen Hörcollagen montiert. Allerdings mit ganz unterschiedlichen Absichten. Zielt der Rundfunk-Journalist vor allem darauf ab, die rhetorische Unbeholfenheit der Politiker und ihre menschlichen Schwächen vorzuführen, möchte uns der rhetorisch geschulte Schöngeist vom Main eine politisch polarisierende Geschichtsstunde in O-Tönen erteilen. Mit Seitenhieben auf Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß und Schmeicheleien für Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Sonnenscheins "Bundestagssitzung in elf Kapiteln" bildet die Höhen und Tiefen der bundesrepublikanischen Redekultur in ihrem ganzen Facettenreichtum ab. Doch sein Versuch, die gesammelten Zitate thematisch zu ordnen, Aussagen der Politiker zur Freiheit, zur Familie oder zur Wahrheit einander gegenüber zu stellen oder miteinander korrespondieren zu lassen, will nicht recht gelingen. Vielmehr wirkt die Zusammenstellung der Redeschnipsel beliebig und nur auf die Pointe hin montiert. Weder der politische noch der zeithistorische Kontext der Zitate wird erkennbar und verständlich. Die Versprecher eines Edmund Stoiber, die Brachialrhetorik eines Franz Josef Strauß oder die Beleidigungstiraden eines Herbert Wehner wirken bereits von sich aus komisch, sodass sie kaum noch einer launigen Kommentierung bedürfen. Immerhin wird an den vom Autor ausgewählten Beispielen deutlich, wie schwer es Politikern aller Parteien zu allen Zeiten gefallen ist, klare und verbindliche, geschweige denn rhetorisch ausgefeilte Aussagen zu machen.

Vernichtendes Urteil

Diesen Missstand beklagt auch Jürgen Roth in seinem "Streifzug durch 60 Jahre BRD", der immer wieder die rhetorischen Maßstäbe der Antike an Politikerreden anlegt und ein vernichtendes Urteil fällt. Schließlich ist es wohlfeil, über den "Kommunikationsschwall der Politiker" herzuziehen, den "Automatismus rednerischer Nichtigkeit" anzuprangern und sich jene Zeiten herbeizuwünschen, in denen sich Wehner, Strauß und Schmidt noch brillante Rededuelle geliefert haben.

Bei all seiner bitterbösen Kritik bleibt Roth rhetorisch zuweilen selbst inhaltsleer und effektheischend. So wenn er Adenauer als "maliziösen Machtarrangeur", Ludwig Erhard als "gemäßigten Sanguiniker" oder Strauß und Wehner als "Champions der Niedermacher" betitelt und von Willy Brandt behauptet, er habe die politische Sprache "euphorisiert". Der sozialdemokratisch angehauchte Autor kann und will seine Parteilichkeit gar nicht verleugnen. Weshalb seine historisch-politisch genau verorteten Zitate so gewählt und kommentiert sind, dass Wiederbewaffnung und Westintegration in einem düsteren Licht, die Ostpolitik und die Terrorismusbekämpfung in hellem rhetorischen Glanz erscheinen. So werden Roths Schwarz-Weiß-Collage und Sonnenscheins bunter Flickenteppich die Politiker im besten Falle nachdenklich stimmen, das Volk wohl nur in seinen Vorurteilen bestätigen.

Ulrich Sonnenschein:

"Wir pfeifen nicht nach ihre Tanze!" Sternstunden aus den Reden unserer Politiker.

Der Hörverlag, München 2009; 1 CD, 88 Minuten, 12,95 €

Jürgen Roth:

"Mit Verlaub, Herr Präsident..." Große Männer, grobe Worte, geniale Reden. Ein Streifzug durch 60 Jahre BRD.

Antje Kunstmann, München 2009; 2 CDs, 155 Minuten, 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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