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Privates KultursponsoringGastkommentar
Harald Jähner
Fehlende Noblesse

In den deutschen Kulturinstitutionen geht die Sorge um. Wer umsichtig von der Hand des Staates lebt, der ahnt: Die Zeit nach der Krise wird schlimmer als die Krise selbst. Für die Kultur wird das Zittern anfangen, wenn für die anderen das Schlimmste vorbei ist. Die Sanierung der durch die Stabilitätsmaßnahmen überschuldeten Haushalte wird ohne drastische Einschnitte in der Kultur kaum zu bewerkstelligen sein. Theoretisch schlüge dann die Stunde der privaten Sponsoren.

Wird es ein Weckruf sein? Wohl kaum. Die deutsche Gesellschaft ist daran gewöhnt, dass Kultur eine Sache des Staates ist wie die Frischwasserversorgung und der Fernstraßenbau. Kultur ist die Infrastruktur unserer kollektiven Seele und somit Angelegenheit der öffentlichen Haushaltsführung. Ein verzweigtes Neuronennetz ist unser Kulturleben mit zahlreichen Knotenpunkten der Selbstdarstellung und -vergewisserung von Ländern und Kommunen. Mit Aussicht auf Gewinn fühlen sich private Kultursponsoren hier nur für die berühmten Sahnehäubchen zuständig. Mehr darf man ihnen auch nicht überlassen.

Das Beispiel der Berliner Staatsoper zeigt die unverfrorene Einflussnahme, die im Sponsoring um sich greift. Allein die bloße Aussicht auf Sponsorengelder wurde benutzt, um eine moderne Gestaltung des Innenraumes zu erzwingen. Es fehlt eben auch auf der Spenderseite die Noblesse, die sich bei traditionell bürgerschaftlich organisierten Gesellschaften über Generationen entwickelt hat.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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