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Jeannette Goddar
Darf man über Nazis lachen?

Leitfaden Antworten und Tipps für den Umgang mit Rechtsextremisten

Sie wollen sich über Rechtsextremismus informieren? Fein, das Angebot könnte kaum größer sein. Seit 30 Jahren verfassen Jugend- und Parteienforscher, Politikwissenschaftler und Soziologen Studien, die regelmäßig auch in Buchform erscheinen: manchmal in drei Bänden, weil all die Erkenntnisse gar nicht in ein Buch passen. Wer sich also bis ins Detail informieren will, dem kann ganz schnell geholfen werden.

Aber was ist mit denen, die das nicht wollen? Die nicht so akademisch interessiert sind oder nicht so viel Zeit oder einfach gar kein so tief schürfendes Interesse haben? Für sie wurde nun "Das Buch gegen Nazis" geschrieben - in gut lesbaren und allgemein verständlichen Kapiteln, deren kürzestes eine und deren längstes zehn Seiten lang ist. Der Untertitel "Rechtsextremismus - was man wissen muss und wie man sich wehren kann" sagt eigentlich schon alles darüber, was das Buch bietet: Es beantwortet Fragen, die sich Bürger viel häufiger stellen als die nach der Unterscheidung von Autoritarismus und Totalitarismus: danach, was dieses oder jenes bedeutet und was man gegen rechtsextreme Tendenzen eigentlich tun kann. Und so lauten Fragen aus der Rubrik "Was man wissen muss" zum Beispiel: "Woran erkennt man einen Rechtsextremisten?", "Ist Thor Steinar eine Nazimarke?", "Soll man mit der Antifa zusammenarbeiten?" oder "Darf man über Nazis lachen?" Ja, man darf.

Welche mentalen Versatzstücke Rechtsextremismus ausmachen, behandelt das Buch pflichtgemäß und gleich zu Beginn auch -auf drei Seiten, also in einer Kürze, die bei so einem Thema ganz zwangsläufig sichtliche Lücken aufweist. In zwei Sätzen grandios geglückt ist hingegen die Antwort auf die Frage, warum Demokratie eigentlich besser ist als Diktatur: "Demokratie ist besser, weil du mitmachen kannst. Diktatur ist schlechter, weil du mitmachen musst". Gegeben hat sie der Politikwissenschafler Hans-Gerd Jaschke in einem Interview; übrigens einer der Autoren, die sonst mehrbändige Werke schreiben.

Klima des Hinsehens

Praktisch hilfreich wird das Buch, ein Gemeinschaftsprojekt der Wochenzeitung "Die Zeit" und der Bundeszentrale für politische Bildung, im zweiten Teil mit mehr als 100 Seiten Tipps zum Handeln: gegen Nazis im Klassenzimmer, an der Uni, im Betrieb, im Gemeinderat oder in der Nachbarwohnung zum Beispiel. Nicht auf jede Frage gelingt eine wirklich überzeugende Antwort. Wie genau schafft man schließlich ein "Klima des Hinsehens?" Und ist es wirklich realistisch, dass ein besorgter Bürger den Mut zusammennimmt, in einem anonymen Wohnblock von Tür zu Tür zu laufen und vor einem Rechtsrock-grölenden Nachbarn zu warnen? Auch der Hinweis "Handeln Sie sofort, wenn Sie Zeuge eines Übergriffs werden" ist ebenso ehrenhaft wie etwas wohlfeil. Und: Hat der Mord an dem tapfer einschreitenden Münchner Dominik Brunner nicht gezeigt, dass dieser Rat auch tödlich falsch sein kann? In den allermeisten Fällen aber ist die Handlungsanleitung ebenso überzeugend wie gut lesbar und macht Mut. Außerdem findet der Leser unter jedem Kapitel hilfreiche Links. Mit Literaturhinweisen zum Weiterlesen, aber auch zu Initiativen, Projekten und Hotlines.

Dass darin immer wieder auf die nahezu gleichnamige Internetseite "www.netz-gegen-nazis.de" verwiesen wird, ist kein Zufall. Auf der von der "Zeit" gegründeten Seite - die inzwischen weitgehend mit dem Portal "Mut gegen rechte Gewalt" der Antonio-Amadeu-Stiftung fusioniert ist - finden sich nämlich auch die Texte des Buches. Für "Das Buch gegen Nazis" ausgewählt und zusammen gestellt haben sie die ehemaligen Macher der Internet-Seiten, die Journalisten Toralf Staud und Holger Kulick. Eigentlich ist "Das Buch gegen Nazis" die Umkehrung des viel häufiger begangenen Wegs, eine Website zu einem Buch zu erstellen. Das macht aber nichts. Lesenswert ist es allemal - in welchem Medium auch immer publiziert.

Holger Kulick, Toralf Staud (Hg.):

Das Buch gegen Nazis.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009; 303 S., 12,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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