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Anne Haeming
Freiheitsdrang

LItERATUR Der große Germanist Walter Müller-Seidel untersucht, wieviel Politik in Friedrich Schillers Werken steckt

Es gibt diese Auftritte, die nur Politiker beherrschen. Sie betonen jede Silbe, als sei sie die wichtigste der gesamten Rede, pflügen im Takt mit der Faust durch die Luft. Sie wenden sich hierhin und dorthin, stecken eine Hand lässig in die Hosentasche, deuten mit spitzem Zeigefinger auf Widersacher und versuchen, sich keine Blöße zu geben. Alles muss sitzen, auch der Anzug, die Presse ist anwesend, es wird gefilmt. Kurz: Politik heute ist Performance und Inszenierung, mehr denn je - und zwar egal in welcher Staatsform.

Die Nähe zwischen politischer und Theaterbühne liegt auf der Hand. Heutzutage simuliere die Welt das Theater, so formulierte es einmal der Kulturwissenschaftler Boris Groys, früher habe das Theater die Welt simuliert. Dass Friedrich Schillers Dramen voll von jener "Welt" waren, das versucht Walter Müller-Seidel in seinem Buch "Friedrich Schiller und die Politik" zu belegen. Die Kulisse seiner Argumentation: die Französische Revolution und Napoleons Anfangsjahre. Nun ist Müller-Seidel, emeritierter Germanist der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, natürlich nicht der erste, der sich dem Politischen in Schillers Texten widmet. Und, wie Friedrich Dieckmann mit seinem Buch "Freiheit ist nur in dem Reich der Träume" beweist, ist er auch nicht der Einzige im gerade vergangenen Schillerjahr, das anlässlich des 250. Geburstages des Dichters ausgerufen wurde.

Französische Revolution

Dennoch: Müller-Seidel zeigt Schillers Werke von den "Räubern" über "Wallenstein" bis hin zu "Wilhelm Tell" von einer ungewohnten Seite, bringt den politischen Diskurs Schillers ans Licht - und wie dieser sich über die Jahre wandelte. Das Theater von früher, macht der Autor klar, erhellt somit die Welt von heute. "Mit der Zeitgeschichte als Basis seines Denkens ist Ernst zu machen", betont Müller-Seidel gleich vorneweg.

Als die Französische Revolution ausbrach, war Friedrich Schiller gerade 30 Jahre alt. Die Vollendung seiner "Wallenstein"-Trilogie fiel mit dem Ende der Revolution und der Machtergreifung Napoleons 1799 zusammen. Wie Müller-Seidel eindrücklich darlegt, zerfällt Schillers Schaffen in zwei Teile: in ein Vor der Revolution und ein Danach. Und das Stück über Wallenstein mittendrin; jene Geschichte über den Feldherrn im 30-jährigen Krieg, der sich auf der Höhe seines Erfolges zum Widerstand gegen seinen Herrscher aufschwingt und eigenmächtige Entscheidungen trifft - ein zentrales politisches Motiv der gesamten Analyse.

Herrschaftsformen

Müller Seidels Darstellung ist vor allem eines: dicht. Besonders erhellend - Schillers Werk immer zur Hand vorausgesetzt - ist die üppige Untersuchung im Mittelteil, in dem er die Dramen Schillers auf ihren politischen Gehalt abklopft: So sieht er etwa das gewalttätige Ringen um Macht, die in Anarchie zu münden droht in "Die Räuber"; die absolutistische Tyrannei Phillips II. auf der einen Seite und auf der anderen den Wunsch, sich von dieser Fremdherrschaft zu befreien in "Don Carlos"; oder, in "Maria Stuart", einen Rechtsstaat, der sich als folternder Unrechtsstaat entpuppt, was der Autor als Beispiel dafür heranzieht, dass "Schiller in seinen Dramen Herrschaftsformen vorweg [nahm], die das zwanzigste weit mehr als das neunzehnte Jahrhundert bestätigt".

Eingebettet ist das Ganze in zeitgeschichtliche Analysen von Politik und Kultur jener Zeit genauso wie eine moralphilosophische Deklination des Begriffs "Humanität" oder Ausführungen über Staatstheorie. Der Vorteil: Je nach Interessenslage, ob politisch, literarisch, moralphilosophisch oder historisch motiviert, lassen sich einzelne Kapitel herauspicken. Sie alle verhandeln letztlich die Spannung zwischen Vernunft und Natur, Widerstandsrecht und Tyrannenmord, immer auf der Suche nach einer humanistischen Lösung.

Recht auf Widerstand

Walter Müller-Seidel zeichnet Schiller als einen von den Revolutionen zutiefst frustrierten Mann mit "geschichtspessimistischen Zügen": Tyrannei, Tote, das Ende von Ludwig XVI. unter der Guillotine, dem Dichter war das zuwider. Das Leben des Einzelnen galt ihm alles, politisch legitimiertes oder motiviertes Töten nichts. Sein Glaube an die erzieherische Funktion der Geschichte wie der Kunst war unerschütterlich, wie in den Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" ersichtlich. Ästhetik sei bei Schiller daher von vornherein als politische Ästhetik zu verstehen, betont Müller-Seidel, der Glaube an die Autonomie des Kunstwerks wesentlicher Teil seiner Moralphilosophie. Analog dazu setzt Schiller konsequent die autonome Selbstbestimmung des Menschen als höchstes Gut. Jene Freiheit eben, für die nicht zuletzt die französischen Revolutionäre kämpften, für ihr Recht auf Widerstand.

Die Selbstbestimmtheit des Menschen, sein Recht auf Widerstand gegen Gewaltherrschaft, Fremdbestimmtheit, Tyrannei ist der eine Aspekt der Revolution, der sich Müller-Seidel zufolge in Schillers Dramen spiegelt. Der andere kulminiert in Figuren wie König Ludwig XVI., Napoleon Bonaparte und, im Fiktionalen, dem Reichsvogt Herrmann Gessler in "Wilhelm Tell".

Tyrannenmord

Darf der Widerstand gegen Despotentum, so die zentrale Frage, im Tyrannenmord enden? Im Kapitel "Zur Kritik menschlicher Größe" zeigt Müller-Seidel, dass Schiller anhand seiner Männerfiguren den Despotismus an den Pranger stellte. Ja, so verstehe er Schiller, es bedürfe großer Individuen, um den Lauf der Geschichte zu bestimmen. Doch: "Mit der drohenden Gebärde Wallensteins gegenüber dem jüngeren Freund ,Ich kann auch Unmensch sein!' ist der Bruch eingeleitet", schreibt Müller-Seidel. "Damit ist eine Entzauberung menschlicher Größe verbunden. Die Einheit von Größe und Menschlichkeit erweist sich als Illusion."

Konzept der Selbstjustiz

War Schiller noch entsetzt, als die Revolutionäre 1793 ihren König köpften, so entwarf der Dichter kurz vor seinem Tod mit Wilhelm Tell selbst einen Helden, der sich eigenmächtig zum Tyrannenmörder aufschwingt. Die Haltung Schillers verschob sich über die Jahre. Die Nachwehen der Revolution, die Abscheu gegenüber Napoleon mündeten in einer ungeheuer klaren Definition von Machtmissbrauch - und einem fragwürdigen Konzept von Selbstjustiz.

Der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Germanistenverbandes, mittlerweile 91 Jahre alt, hat einen Band vorgelegt, der sicher in Zukunft für deutsche Literaturwissenschaftler unverzichtbar zur Schiller-Exegese gehören wird. Fürwahr, an der Präzision und der Detailliebe des Werkes ist nicht zu rütteln. Man könnte auch sagen: weniger wäre mehr gewesen, zumindest wenn das Buch für eine breitere Leserschaft, nicht nur für ein rein akademisches Publikum gedacht ist. Den reaktionär anmutenden Kommentar, es sei "hermeneutisch verwegen", die Texte ohne die Situation zu betrachten, in der sie entstanden, hätte er sich allerdings sparen können - Geisteswissenschaft heute sieht anders aus.

Unüberbrückbare Gegensätze

"Literatur und Kunst werden von [Schiller] als Gegengewichte zu Politik und Zeitgeschichte verstanden, nicht aber als deren Negation", schreibt Müller-Seidel über die Theaterwelten des Dichters. "Spannungen werden auf diese Weise erzeugt, die nicht selten als unüberbrückbare Gegensätze zu erkennen sind, aber das Drama recht eigentlich in Gang bringen." Fast meint man an dieser Stelle, es sei von Bühne und Parlament die Rede. Schließlich waren es einst Räume wie Amphitheater und Agora, in denen sich die Bürger ein Bild ihrer Gesellschaft machen konnten, sich als Polis konstituierten.

Ein ähnliches Moment findet sich im Prolog zu "Wallenstein", vor dem ersten Akt. Dort heißt es: "Und jetzt an des Jahrhunderts ernstem Ende, / Wo selbst die Wirklichkeit zur Dichtung wird, / Wo wir den Kampf gewaltiger Naturen / Um ein bedeutend Ziel vor Augen sehn / Und um der Menschheit große Gegenstände, / Um Herrschaft und um Freiheit wird gerungen - / Jetzt darf die Kunst auf ihrer Schattenbühne / Auch höhern Flug versuchen, ja sie muß, / Soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen."

Tyrannenmord hin, Tyrannenmord her: Auf einmal erscheint der einst geschichtsverdrossene Schiller zum unverbesserlichen Zukunftsoptimisten gewandelt. Der deutsche Nationaldichter war überzeugt von der politischen Kraft des Theaters. Bei ihm simulierte das Theater noch die Welt, nicht umgekehrt.

Walter Müller-Seidel:

Friedrich Schiller und die Politik.

Verlag C.H. Beck, München 2009; 400 S., 29,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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