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Kurz rezensiert
Christoph Birnbaum
Angelesen

Der Titel täuscht: Erinnerungen eines "Unpolitischen" sind es nun wahrlich nicht, die der ehemalige Berliner Innensenator und spätere Innenminister Brandenburgs, Jörg Schönbohm, geschrieben hat. Und "wilde Schwermut" ist bei einem der letzten Wertkonservativen der Union, der gerne provoziert, auch nur schwer vorstellbar. So nimmt der Ex-Bundeswehrgeneral auch nichts von dem zurück, womit er als Politiker viel Widerspruch hervorgerufen hat. Beispielsweise seine Äußerung über den neunfachen Babymord einer Mutter, die ihm im brandenburgischen Wahlkampf 2005 sehr geschadet hat. Schönbohm sah die Tat als eine Folge der Zwangsproletarisierung der DDR an.

Heute ist das wahr geworden, was Schönbohm immer zu verhindern gesucht hatte: eine rot-rote Koalition in Brandenburg. "Wir sind jetzt wieder da, wo wir schon einmal waren", resümiert der Autor, setzt aber in einem Nachwort hinzu, dass die rot-rote Sparpolitik vielleicht doch noch Anlass zu Hoffnungen gibt, ebenso wie die Ankündigung der Linkspartei, mit der Aufarbeitung der Vergangenheit endlich anzufangen. "Vielleicht sind wir doch weiter, als ich dachte", ist Schönbohms letztes, versöhnliches Wort in seinem lebensklugen Buch.

Jörg Schönbohm:

Wilde Schwermut. Erinnerungen eines Unpolitischen.

Landtverlag, Berlin 2010, 462 S., 29,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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