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Susanne Kailitz
Intellektueller Seelenstrip

GESELLSCHAFT Jan Fleischhauers Abrechnung mit den Linken verharrt in überkommenen Frontstellungen

Vorbei sind die Zeiten, in denen durch fiese Eltern ausgelöste Kindheitstraumata diskret auf der Couch eines Psychoanalytikers aufgearbeitet wurden. Wer seinen Erzeugern heute ihren Erziehungsstil verübelt, tut das laut und offen; er geht in Talkshows, lässt sich für Reportagen befragen oder - die intellektuelle Variante - schreibt ein Buch. So hat es auch der "Spiegel"-Redakteur Jan Fleischhauer getan und in seiner Kampfschrift "Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde" all die grauenvollen Dinge aufgeschrieben, die seine Mutter ihm angetan hat. Und es sind viele - denn Mama Fleischhauer war und ist trotz SPD-Austritt eine Linke und sorgte in den 1970er Jahren dafür, dass der kleine Jan weder McDonalds-Burger essen noch Coca-Cola trinken durfte und schon mit 15 Jahren selbst für saubere Wäsche sorgen musste. Bei dieser Menge an Unbill scheint es fast logisch, dass Fleischhauer auf brutalstmögliche Weise rebellierte: Er wurde zum Konservativen.

Weil Fleischhauer seit seinem Seitenwechsel durchaus offen bekennt, er glaube nicht, dass die CIA hinter den Anschlägen vom 11. September stecke und zugibt, er habe gern in den USA gelebt, zerbrechen Freundschaften und gehen Partys schneller zu Ende. "Einmal traute ich mich sogar, in einem Partygeplänkel zum Klimawandel ein gutes Wort für die Atomenergie einzulegen - der Abend war dann allerdings gelaufen."

Begriffliche Fiktion

Fleischhauers Buch darf wohl als letzter Schritt seines Coming-outs verstanden werden - und das wäre ein sehr unterhaltsames, wenn er sich in seiner Abrechnung mit der Linken auf einen Essay, ziemlich genau im Umfang seines Vorworts, beschränkt hätte. Das aber hat Fleischhauer nicht getan. Auf insgesamt 351 Seiten wütet er gegen "die Linke" an, ohne genau benennen zu können, wer sich dahinter verbirgt. Er gibt zu, die Linke sei genau genommen "eine begriffliche Fiktion". Die aber, so seine Analyse, sei "zum Juste Milieu derer geworden, die über unsere Kultur bestimmen". Deren Links-Sein sei vor allem ein Gefühl, denn wer links sei, "lebt in dem schönen Bewusstsein, im Recht zu sein, ja, einfach immer recht zu haben".

Wer genau zur Linken gehört, vermag Fleischhauer im einzelnen nicht zu definieren, er weiß aber, wie die Anhänger dieser dominierenden Geisteshaltung fühlen: "Man schwärmt für Obama, fürchtet sich vor dem Klimawandel und dem Überwachungsstaat, achtet auf biologische Ernährung und liest die Meinungsspalte der ,Süddeutschen', das Feuilleton der ,Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung' und, mit einer gewissen zur Schau gestellten Verachtung, den Politikteil des ,Spiegels'." Überhaupt ist "man" einer der Lieblingszeugen Fleischhauers für die Borniertheit und Ignoranz der Linken, an deren politischen Anfängen die Erfindung des Opfers gestanden habe. Die Linke habe das Selbstverständnis, Anwalt der Schwachen zu sein, zu ihrem Aushängeschild gemacht, "so als würden ihr die Sorgen um die Misshandelten und Vernachlässigten" allein wichtig. Sie glaube, nahezu jeder würde ihren Beistand brauchen. So sei ein "neuartiger Opferstatus" entstanden. Es reiche aus, Frau oder alleinerziehend zu sein, mit einer bestimmten Herkunft und sozialer Stellung "ist man sogar gleich mehrfacher Diskriminierungsfall". Der Opferstatus verspreche Entlastung, minimiere die eigene Verantwortung und garantiere Aufmerksamkeit und Anteilnahme.

Ermüdendes Lamento

So wütet Fleischhauer Seite um Seite. In diesem Lamento wird eines deutlich: Die Linke, wer immer das nun sein mag, ist an allem Schuld. Am Antidiskriminierungsgesetz und der Rechtschreibreform sowieso, aber auch am Staatsdefizit, diversen Justizirrtümern, der mangelnden Integration von Migranten und den schlechten Pisa-Ergebnissen. Aha.

Schwieriges Verhältnis zu Israel

Diese ellenlange Anklage ist ermüdend, gelegentlich ärgerlich, vor allem aber schuld daran, dass ausgesprochen kluge Anmerkungen wie etwa zum ausgesprochen schwierigen Verhältnis vieler Linker zu Israel oder der so viel zitierten, tatsächlich aber nicht vorhandenen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands durch die sogenannten 68er untergehen. Hier trifft Fleischhauer süffisant und präzise so manchen Nagel so genau auf den Kopf wie es viele der ehemaligen Anhänger der antiautoritären Studentenbewegung und einige Wähler der Partei Die Linke wohl lieber nicht wahrhaben wollen.

Trotzdem entsteht überwiegend der Eindruck, als ob der neu entdeckte Konservative sich nicht hat entscheiden können zwischen polemischen Jugenderinnerungen und analytischer Abrechnung mit einer Geisteshaltung. Dieses Schwanken führt zu einem völlig überzogenen Bild - die Frontstellung von Linken und Konservativen mag es im Fleischhauerschen Haushalt der 1970er Jahre gegeben haben, um die heutige gesellschaftliche Situation zu beschreiben, taugt diese politische Landkarte nicht.

Fleischhauers Glaube jedoch ist fest: Anders als der Linke sei der Konservative durch seine "illusionslose Anthropologie" eher vor "gewissen Verstiegenheiten und manch törichtem Trugbild" geschützt. Weil für ihn die "Moral in den Strukturen, nicht im Individuum" liege, lege er so viel Wert auf "gesellschaftliche Verkehrsformen, auf Sitten und Gebräuche, die den Menschen zivilisieren und in größerer Ansammlung erträglich machen". Mehr Selbstbewusstsein wäre auch auf der Psychocouch nicht geweckt worden.

Jan Fleischhauer:

Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 351 S., 16,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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