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Sabine Pamperrien
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Deutsche Welle Der Sender ist mehr als eine Visitenkarte. Er hilft, Deutschland global zu integrieren

"Das läuft doch eh darauf hinaus, dass der Betrieb in Bonn abgewickelt wird und in kleiner Besetzung aus Berlin weiter gemacht wird." Der langjährige Deutsche Welle-Mitarbeiter, der das auf die Frage nach der weiteren Entwicklung sagt, will lieber anonym bleiben. Unsicherheit ist unter den Mitarbeitern von Deutschlands Auslandssender verbreitet; der Sender befindet sich in einer grundlegenden Umbauphase. Einerseits wirken die schmerzhaften finanziellen Einschnitte unter der Regierung Schröder fort. Andererseits erfordert die rasant fortschreitende technologische Entwicklung Anpassung.

Zuletzt positionierte sich der deutsche Auslandsrundfunk neu als "Multimediaplattform". Bei soviel Bemühung der Führungsetage um PR-trächtige Wortschöpfung und Demonstration dynamischer Anpassungsfähigkeit gerät fast außer acht, dass der Sender in Sachen Multimedia zu den Pionieren unter den öffentlich-rechtlichen Anstalten zählt. Die gewachsene Online-Kompetenz der Auslandsfunker zeigt sich aktuell in der Etablierung der jährlichen BOB-Awards, bei denen eine internationale Jury die Best of Blogs weltweit auszeichnet. Der in deutschen Medien wenig rezipierte Preis gilt als Oscar der weltweit immer mehr an Bedeutung gewinnenden Blogosphäre. Erreicht werden besonders auch Entwicklungsländer.

Der Hamburger Politikwissenschaftler Hans Kleinsteuber, ehemaliges DW-Rundfunkratsmitglied, traut dem Sender sogar zu, als eine Art "Ortspfarrer" die Leitung durch den Dschungel des weltweiten Blog-Angebots zu übernehmen, um für den Glaubwürdigkeit und Faktentreue suchenden Nutzer die Spreu vom Weizen zu trennen. Etwas aus dem Blickfeld gerät oft, dass der Auslandssender trotz seiner im Vergleich etwa zum BBC World Service bescheidenen Mittel eben nicht nur der Repräsentation der Bundesrepublik im Ausland und der Vermittlung von Sprache und Kultur dient, sondern ein durchaus wirkmächtiges Instrument ist. Als 2003 das 50-jährige Bestehen gefeiert wurde, erinnerte sich manch einer an die gemeinsam mit BBC und Voice of America (VoA) geschaffene Gegenöffentlichkeit in den Staaten des Ostblocks. Ihre besondere Glaubwürdigkeit erhielt die Deutschen Welle aus ihrer journalistischen Unabhängigkeit.

Diese Glaubwürdigkeit ist das Pfund, mit dem "die Welle" in der wachsenden Konkurrenz um die begrenzte Schar der Auslandsmedien-Rezipienten wuchern könnte. Denn viele Staaten bauen ihre Medienpräsenz im Ausland aus, oft aus propagandistischen Gründen. Weltweit steigt deshalb der Bedarf an unabhängiger und zuverlässiger Berichterstattung.

Allerdings hat diese Glaubwürdigkeit etwas gelitten, seit 2008 massive inhaltliche Kritik an der China-Berichterstattung des Senders laut wurde. Vor allem chinesische Dissidenten aber auch Kollegen vom Deutschlandfunk warfen der China-Redaktion vor, offizielle Parteipropaganda distanzlos zu übernehmen. Peinlich wurde es, als der Ehemann einer chinesischen Mitarbeiterin eine Unterschriftenaktion mit Attacken gegen die Kritiker betrieb, die wiederrum weltweit Proteste der chinesischen Opposition, einschließlich des damals noch in Freiheit lebenden und inzwischen zu elf Jahren Haft verurteilten chinesischen PEN-Präsidenten Liu Xiaobo provozierte. Die Diskussion berührte im Kern das Selbstbild des Senders als "Stimme der Menschenrechte".

Zufällig handelte es sich bei dem streitbaren Ehemann um einen Chefstrategen der SPD - und Parteigenossen des DW-Intendanten Erik Bettermann. Solange der Sender in Strukturen gefangen ist, die Konfliktlösung - und die vom Gesetzgeber geforderte Transparenz - als Kräftemessen zwischen politischen Lagern begreifen oder, wie es Hans Kleinsteuber monierte, den Sender als Beute der Politiker betrachten, bleibt eine seltsame Diskrepanz zwischen der Akzeptanz im eigenen Land und der Akzeptanz, die der Sender im Ausland genießt. Und die ist groß: Immerhin wird die Arbeit der 1.400 Mitarbeiter aus 60 Nationen in 30 Fremdsprachen weltweit von geschätzten 86 Millionen Menschen wöchentlich (Angaben des Senders) gesehen.

Als Erfolgsrezept auf diesem Weg wertet der Sender die Einführung von Englisch als Hauptnachrichtensprache. Nach Ablauf einer ersten Testphase hat DW-TV Ende 2009 die zweikanalige Ausstrahlung auf Deutsch und Englisch in Asien als Regelbetrieb aufgenommen. Kritiker aus dem eigenen Haus bleiben allerdings bei ihrem Standpunkt, dass keine neuen Zielgruppen erreicht werden könnten, wo der BBC Konkurrenz gemacht wird. Wo gezielt deutsche Positionen gesucht werden, kann die BBC jedoch kaum liefern, betont die DW ihren Auftrag.

Über ein traditionell großes Publikum verfügt die DW in Afrika. Schon während der ugandisch-tansanischen Kriege in den 1970er Jahren wurde das Kisuaheli-Programm zum Meinungsführer. Die Redaktion erhielt damals bis zu 91.000 Leserbriefe jährlich. In Tansania erreicht das Kisuaheli-Programm nach Angaben des Senders derzeit 43 Prozent der erwachsenen Einwohner und in Äthiopien das Amharisch-Programm 20 Prozent. Um die technologisch unterentwickelten Regionen zu erreichen, bleiben zumindest mittelfristig die Kurzwellensender erhalten, deren Sendebetrieb ansonsten weitgehend aufgegeben wird.

Die BBC investiert in Afrika derzeit mehr als 100 Millionen Euro - künftig boomende Medienmärkte im Auge. Zugleich besteht ein erheblicher Bedarf an Unterstützung beim Aufbau unabhängiger Medien. Dass auch die DW diese Aufgabe leisten kann, bewies sie in Afghanistan, wo vier Jahre lang ein TV-Sender aufgebaut und Journalisten geschult wurden. Der Sender kann von strategischen Investitionen jedoch nur träumen. Seit 1998 wurde der Etat um 46 Millionen auf 275 Millionen Euro gekürzt.

Das größte Kapital der DW bleiben die Mitarbeiter. Auch hier findet viel zu wenig Beachtung, dass sich in dieser gelebten multikulturellen Institution Expertenwissen selbst über die abgelegensten Regionen der Welt findet. Mit der DW-Akademie ist eine international vernetzte Fortbildungsstätte vorhanden und die Diversifizierung der Angebotsschienen Radio, TV und Online ist schon weitgehend den geänderten Konsumgewohnheiten angepasst. Der Sender trägt wesentlich dazu bei, Deutschland global zu integrieren. Das ist weitaus mehr, als "Visitenkarte" zu sein.

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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