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Harald Olkus
Arm aber kreativ

Subkultur Off-Theater als Ideengeber für die großen Häuser

Es ist kalt im Berliner Theaterdiscounter Draußen vor dem DDR-Zweckbau aus den 1970er Jahren liegt schmutziger Schnee, die Kugel des Fernsehturms ist im tief hängenden Nebel verschwunden. Theaterleiter Georg Scharegg und das Team des Theaterdiscounters haben ihre Spielstätte vor einem Jahr einen Steinwurf vom Alexanderplatz entfernt in einem ehemaligen Fernmeldeamt eingerichtet.

Das Gebäude stand zehn Jahre lang leer. In einem der unteren Stockwerke hat sich ein Club für Elektro-Musik eingerichtet, im Rest des Gebäudes sind Ateliers und ein kleiner Verlag untergebracht. Mit dem langen Leerstand hängt auch gleich ein Problem des Theaters zusammen: Die Heizung stockt und stottert, und ohne ein außen am Gebäude verlegtes Heizrohr, das durch ein Fenster etwas Wärme von einer zusätzlichen Heizung im Keller bringt, wäre der Ort nicht bespielbar.

Im Übrigen entspricht der Ort den namensgebenden Discountern auf das Beste: nackte Betonwände und -pfeiler, Industrieboden, angelaufene Fensterscheiben. Ein Ausdruck der prekären Produktionsbedingungen der freien Theaterszene: Die 80.000 Euro Basisförderung des Berliner Senats, die dem Theaterdiscounter auf zwei Jahre gewährt werden, reichen für lediglich eine feste Stelle. Die anderen sieben Teammitglieder zahlen sich 150 Euro im Monat aus. Die Techniker erhalten sieben Euro pro Stunde. Davon lässt sich nicht leben, ohne Zuverdienst ließe sich kein kontinuierlicher Spielbetrieb aufrechterhalten. "Ich arbeite als Schauspieler, Regisseur und Sprecher bei Funk und Fernsehen, um mir die Arbeit beim Theaterdiscounter leisten zu können", erzählt Leiter Georg Scharegg. Im kommenden Jahr soll es etwas besser werden: Ab 2011 erhält das Theater Konzeptionsförderung, was eine vierjährige Förderung mit 150.000 Euro pro Jahr bedeutet.

Flexibel und gut ausgebildet

Rund 300 freie Gruppen zählt der Berliner Senat in der Stadt, der größte Teil lebt und arbeitet unter solchen Bedingungen. Und bundesweit sieht es eher noch schlechter aus: Eine Studie des Fonds Darstellende Künste hatte im vergangenen Jahr die "wirtschaftliche, soziale und arbeitsrechtliche Lage der Theater- und Tanzschaffenden" untersucht. Daran beteiligten sich bundesweit 4.047 Künstler. "Die Ergebnisse dieser Studie sind alarmierend", sagt Günter Jeschonnek, Geschäftsführer des Fonds. "Etwa zwei Drittel aller Selbstständigen arbeiten im Niedrigeinkommenssegment von unter fünf bis zehn Euro pro Stunde. Aufgrund der Sozialgesetzgebung wird eine Mehrheit schnell zu Hartz-IV-Empfängern. Man kann also sagen, dass die freien Theater- und Tanzschaffenden trotz überwiegend ausgezeichneter Ausbildung, Mehrsprachigkeit, hoher Flexibilität und Mobilität und enormer zeitlicher Belastung deutlich unter vergleichbaren Mindestlöhnen arbeiten."

Und es ist schon längst nicht mehr so, dass die freie Szene nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zu einer festen Stelle ist. Viele Künstler verbringen als Freie ihr Leben. Sie tun das, weil sie den Stadttheater-Betrieb als zu starr empfinden, weil sie experimentelle Ansätze verwirklichen wollen, weil sie kontinuierlich mit bestimmten Künstlern und Gruppen zusammenarbeiten wollen - und nehmen dafür viel Unsicherheit in Kauf. Der Deutsche Kulturrat betont die Bedeutung der Szene jenseits des Mainstreams: "Ohne die Investition in künstlerische Arbeiten, die heute zwar noch keinen Marktwert haben, ihn morgen aber erhalten können, würde die Kulturwirtschaft Schaden nehmen und das kulturelle Leben sich im etablierten Kanon erschöpfen." Bereits seit Längerem wird die experimentelle Theaterästhetik der freien Szene von den Stadttheatern aufgegriffen. Georg Scharegg und sein Theaterdiscounter nehmen dies zum Anlass, sich mit dem Instrumentarium der "Off-Theater" den Klassikern zuzuwenden.

Durch die Steuerausfälle für Länder und Kommunen ist zu erwarten, dass sich die Situation in vielen Städten noch weiter verschärft. In Berlin fließen lediglich 4 Millionen Euro Fördermittel in die Freie Szene, während die großen Bühnen mit 250 Millionen Euro gefördert werden. Der Berliner Senat hat den Kulturhaushalt 2010/11 zwar um 16 Millionen Euro erhöht, bei den freien Bühnen wird davon aber kaum etwas ankommen.

Fester Ansprechpartner

"Ein großes Problem ist die Zersplitterung", sagt Scharegg. "Wir hatten bislang keine festen Vertreter, die Politik will aber feste Ansprechpartner haben. Und gleichzeitig bestehen auf beiden Seiten Berührungsängste." Deshalb haben sich die freien Berliner Theaterkünstler nun zu einem Landesverband der Freien Theater (LAFT) zusammengefunden, der die Ziele bündeln will, hinter denen möglichst viele stehen können. LAFT-Vorstand Anne Passow hat 2009 vom Senat eine Honoraruntergrenze für Künstler gefordert. Das hätte eine Erhöhung der Fördersumme um 6 Millionen Euro im Jahr bedeutet. Dies wurde zwar abgelehnt. Aber der Ansatz wurde von der Politik zumindest als wichtiges Anliegen anerkannt.

Jetzt will der Verband eine Statistik über die tatsächliche Größe der freien Szene, die anfallenden Kosten und die verkauften Karten erstellen, um Zahlen in der Hand zu haben, mit denen sich argumentieren lässt. Und im Mai soll mit einer großen Veranstaltung auf die Lage der freien Szene in Berlin aufmerksam gemacht werden. Mit viel Fantasie, versteht sich.

Der Autor arbeitet als freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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