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Regina Mönch
Strategie für das Gedenken

Geschichtspolitik Das Gedenkstättenkonzept des Bundes ermöglicht eine dauerhafte Unterstützung jener Orte, die an den Nationalsozialismus und an die Geschichte der deutschen Teilung erinnern

So habe ich das nicht erlebt! Historiker kennen diesen Satz, der auf die Differenz zwischen erlebter und erforschter Geschichte zielt. Die Debatten zur Geschichtspolitik der vergangenen 20 Jahre, die Suche nach einem Konsens des gemeinsamen Erinnerns an zwei deutsche Diktaturen waren davon geprägt. Das politische Ziel war zwar klar: eine Erinnerungskultur, die, geschichtswissenschaftlich fundiert, die Gedenkstättenlandschaft vor allem in Ostdeutschland neu gestaltet und authentische Orte des Gedenkens an die Zeit der deutschen Teilung schafft. Doch die Umsetzung gestaltete sich schwierig.

Der Streit entzündete sich immer wieder an überkommenen Geschichtskonstruktionen, etwa dem verordneten Antifaschismus der SED, der als "entdifferenzierte Bekenntnisideologie" (Jürgen Danyel) die Erinnerungskultur in Ostdeutschland dominiert hatte und sich in den "Nationalen Mahn- und Gedenkstätten" manifestierte, die auch darum vordringlich einer Neuordnung bedurften. Grund genug, den Schwerpunkt des staatlichen Gedenkkonzeptes für lange Zeit in den Osten der wiedervereinten Republik zu verlegen.

Intensivere Förderung

Das dazu 1999 beschlossene Gedenkstättenkonzept wurde 2008 mit einem Regierungsbeschluss fortgeschrieben. Gedenkstätten, die an den nationalsozialistischen Terror und seine Opfer erinnern, sollten nun intensiver, also vor allem institutionell und dauerhaft, gefördert werden. Das Konzept schloss endlich auch die Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern Dachau, Bergen-Belsen und Neuengamme ein. Aber auch authentische Orte politischer Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR sollten besser als bisher gefördert werden, also Gedenkstätten wie die in Bautzen oder Berlin-Hohenschönhausen.

Hohenschönhausen zum Beispiel erhält für die Sanierung und die längst überfällige Dauerausstellung zusätzlich 8,5 Millionen Euro. Die Stiftung Berliner Mauer erhält die gleiche Summe für den Ausbau der Gedenkstätte an der Bernauer Straße, die 28 Jahre lang mitten in der deutschen Metropole eine Weltengrenze markierte. Wie eine Narbe markiert diese Gedenkstätte anderthalb Kilometer lang noch einmal die Teilung und erzählt ästhetisch diskret von den erlittenen Schicksalen der Mauerjahre. Diesem inzwischen fast vollendeten Konzept ging ein jahrelanger Streit voraus, Pläne wurden verworfen oder für untauglich erklärt. Doch der Streit war eben auch notwendig, um diese städtische Erinnerungslandschaft wieder lesbar zu machen.

Anders sieht das bei der Pflege und Erhaltung der Sowjetischen Ehrenmale in Berlin aus. Der Bund beteiligte sich bis 2004 daran im Rahmen des Hauptstadtkulturvertrages mit jährlich 1 Million Euro, inzwischen sind es noch 800.000 Euro. Wer einmal das riesige Gräberfeld in Berlin-Schönholz besucht hat, eine Gedenkstätte, die deutlich sichtbar eine stalinistisch geprägte Formensprache spricht, erkennt unschwer, dass dies kaum ausreicht. Zwar sind die markigen Stalin-Sprüche gut erhalten und mit Gittertüren gesichert, doch die Pflege und der Schutz der Grabplatten (die die Namen Tausender gefallener Sowjetsoldaten tragen) vor Witterungsschäden und vor allem vor Buntmetallräubern ist unzureichend.

Immense finanzielle Mittel

Die seit den 1990er Jahren für die KZ-Gedenkstätten in Ostdeutschland zur Verfügung gestellten Summen sind beeindruckend: Zwischen 2,8 und 3 Millionen Euro jährlich, die vor allem den Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen zugute kommen. Außerdem wurden immer wieder einzelne Projekte in diesen bedeutenden Erinnerungsorten gefördert - zuletzt etwa in der Gedenkstätte des früheren Frauenkonzentrationslagers in Ravensbrück die Sanierung der Villa des SS-Kommandanten und eine neue Dauerausstellung. Trotzdem fehlen in Ravensbrück wie anderswo Finanzmittel, meist für das Personal, das die immer häufiger nachgefragten Führungen durch die Gedenkstätten bestreiten soll, oder für wissenschaftliche Mitarbeiter. Hier kann nur Abhilfe geschaffen werden, wenn sich gerade die Bundestagsabgeordneten, die mit ihrer Arbeit im Kulturausschuss die erfolgreiche Entwicklung erst möglich machten, auch diesen Problemen zuwenden.

Betrachtet man diese Entwicklung seit den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung, so wird deutlich, dass sie nicht ohne die verlässliche Gedenkstättenkonzeption und die immensen finanziellen Mittel möglich geworden wäre. Eine Gedenkstätte wie Buchenwald, deren Bedeutung bereits im Einigungsvertrag fixiert wurde, hatte es zuvor in dieser Dimension nicht gegeben.

Gleichzeitig fand ein Paradigmenwechsel statt. Eine breite Diskussion über die Transformation von Erinnerung und Gedenken nach der Epochenzäsur von 1989 und klare geschichtspolitische Schwerpunkte haben ihn ermöglicht. Die Geschichtsforschung hat den Mythos vom antifaschistischen Widerstand dekonstruiert, aus dem die DDR ihre Legitimation bezog, und die mehrdeutigen Projektionen und persönlichen Erfahrungen dazu konsequent hinterfragt. Diese Erkenntnisse zu verbreiten, als Basis für ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein, hätte kein Regierungsbeschluss vermocht.

Kritische Reflexion

In den ersten Jahren nach 1989 tat sich im Verlauf dieses Prozesses durchaus eine Kluft auf zwischen erlebter Geschichte (nicht nur im Osten) und erforschter, also mit Quellen belegbarer historischer Wahrheit. Diese Kluft konnte nur im öffentlichen Diskurs überbrückt werden. Das in sich geschlossene System der SED-Gedenkpropaganda, die Opfergruppen außer der kommunistischen verschwieg, diskreditierte oder nur am Rande zuließ - wie lange Zeit sogar den Holocaust - hat tiefe Spuren hinterlassen. Zwar hatten sich die formelhaften Gedenkfeiern gegen Ende der DDR erschöpft. Doch ein durchaus gewollter Nebeneffekt dieser Staatsdoktrin war auch, dass sich alle - die tatsächlich "antifaschistischen Kinder" (Monika Maron) aus Familien mit konkreter Widerstands- oder Opfergeschichte genauso wie die Kinder der kleinen Nazifunktionäre - als Antifaschisten verstanden. Das Volk der DDR, so lautete die Botschaft dahinter, stand im Prinzip auf der richtigen Seite, während die eigentlichen Täter im Westen verortet wurden. Diese Sicht hatte den hohen Preis, andere Erinnerungen auszublenden.

Wie erfolgreich dieser Diskurs über den Mythos Antifaschismus, über die nun nicht mehr staatlich bevormundeten und neu inszenierten Gedenkstätten war, ist schwer messbar. Er war selbstverständlich den Opfern von Naziterror und kommunistischer Gewaltherrschaft gegenüber. Und unausweichlich, um eine andere Erinnerungskultur zu ermöglichen. Der Staat trägt diese zwar mit seinem Gedenkkonzept, doch setzt sie auf Selbstreflexion und nicht auf ritualisierte Sinnstiftung. Eine Relativierung der Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus, wie gern unterstellt wurde, wenn es in Wahrheit um Macht und Deutungshoheit oder auch nur Geld ging, hat sich daraus nicht ergeben.

Die Autorin ist Redakteurin im Feuilleton der Berlin-Redaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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