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Ralf Hanselle
Weder Lametta noch Dekor

Kulturstaatsminister Als Gerhard Schröder das Amt neu einrichtete, stieß das auf Skepsis. Heute ist es nicht mehr wegzudenken

Schön ist nur die Barbarei. Es war der jüdische Kulturphilosoph Walter Benjamin, der diesen auf den ersten Blick etwas eigentümlichen Gedanken ins Poesiealbum der Deutschen geschrieben hat. "Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik", meinte Benjamin 1936, "gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg." Damals, zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, meinte man, die Warnungen des Berliner Philosophen in den Wind schlagen zu können. Spätestens in der Trümmerlandschaft von 1945 aber war offensichtlich: Kunst und Macht schienen sich nicht zu vertragen. Der "ästhetische Staat", ein Gedanke, einst schon von Friedrich Schiller vorgetragen, musste sich scheinbar zwangsläufig zu einem Gebilde für Popanze und Propagandisten entwickeln.

So gesehen nahm es nicht Wunder, dass man in Deutschland Probleme mit der eigenen Kultur bekam. Probleme, die sich vor allem an Gedanken und Worten festmachten. Dazu gehörte etwa die Vorstellung von der "Deutschen Kulturnation" - ein Begriffspaar, das einem einst im Schrumpfstaat Westdeutschland nur schwer über die Lippen gekommen war. Selbst 1998 noch, in der Spätphase der Regierung Kohl, assoziierte man dabei vornehmlich preußisches Lametta und falsch verstandenes Dekor. Nicht verwunderlich war es also, dass das Feuilleton Kopf stand, als der damalige SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder in der jungen Berliner Republik mit einer schier unglaublichen Idee aufwartete: Im Falle seines Wahlsieges, so der 54-jährige Kohl-Herausforderer, werde er versuchen, die Kulturkompetenzen des Bunds neu zu ordnen. Mit der Einsetzung eines im Kanzleramt angesiedelten "Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien" wolle er das kulturelle Profil des Bundes schärfen und bündeln.

Affront für die Bundesländer

"Wilhelminismus von links" oder "Kulturkampf von oben" lauteten damals die Schlagworte, mit denen eine vornehmlich linksliberale Publizistik Schröders Vorhaben zu torpedieren suchte. Doch Kritik kam nicht nur von vielen Intellektuellen. Es waren vor allem die Ministerpräsidenten in den Ländern, die Schröders Offerte als Affront empfanden.

Mit Widerstand war gerechnet worden. Schließlich ist Kulturpolitik in der Bundesrepublik seit jeher eine Angelegenheit der Länder gewesen. Auch wenn es mit einem "Unterausschuss Kunst und Kultur" die Möglichkeit gegeben hätte, Kulturfragen auf nationale Ebene zu hieven: Fakt war, dass von dieser Möglichkeit kaum Gebrauch gemacht wurde. In der letzten Amtsperiode von Helmut Kohl ist dieser Ausschuss daher erst gar nicht mehr ins Leben gerufen worden. Und einen einstmals vorgesehenen "Ausschuss für Kulturpolitik" hatte es damals sogar schon seit 25 Jahren nicht mehr gegeben.

Die Kultur des Bundes war verwaist. Zwar gaben die mehr als 100 Opernhäuser, die tausenden Theater und Museen sowie die weltweit bewunderten kulturellen Ausbildungsstätten ein weithin sichtbares Signal von der Effizienz der deutschen "Kleinstaaterei" bei kulturellen Angelegenheiten. Dennoch: Es klaffte eine Lücke.

Interessanterweise wurde diese erst zu einer Zeit bemerkt, in der es um die Vertiefung und Ausgestaltung des europäischen Einigungsprozesses ging. Die Frage stand hiermit zur Beantwortung, wie sich die föderale Bundesrepublik nach innen wie außen präsentieren wollte. Eines war schließlich klar: Deutschland war mehr als die Summe seiner 16 Einzelteile. Mit der Berufung eines Kulturstaatsministers ging es daher immer auch um Identitätspolitik. Oder, wie es der einstige Kulturstaatsminister Michael Naumann salopp formuliert hat: "Es ging um die Frage, wer sind wir, wohin geht die Welt - und was kostet das?" Wolle die deutsche Kultur im europäischen Konzert nicht sang- und klanglos untergehen, so brauche sie eine Stimme - eine Person, die sich um die kulturellen Einrichtungen und Projekte von nationaler Bedeutung kümmere.

Prägende Persönlichkeiten

Heute, fast zwölf Jahre nach der Berufung des ersten Staatsministers auf diesen Posten, ist die Kritik an dem Amt verpufft. Selbst die schärfsten Kritiker haben eingesehen, dass kulturelle Aspekte wie Filmförderung, Denkmalpflege oder der Schutz des deutschen Kulturgutes einer zentralen Aufsicht und Weichenstellung bedürfen. Am ehesten aber noch waren es die außergewöhnlichen Persönlichkeiten der vier bisherigen Amtsträger, die das positive Image eines deutschen Kulturstaatsministers befördern konnten. Verkörperten Michael Naumann (1998 bis 2001) und Julian Nida-Rümelin (2001 bis 2002) eher den Typus des "smarten Intellektuellen", so wirkten Christina Weiss (2002 bis 2005) und der seit 2005 tätige Bernd Neumann oft im Stillen.

Dennoch: Alle vier haben die deutsche Kultur mit ihrem Schaffen vorangebracht - sei es mit ihren Einlassungen zum Berliner Holocaust-Mahnmal, mit ihrem Engagement in der sogenannten "Beutekunst-Debatte" oder beim finanziellen Engagement des Bundes in der klammen Hauptstadt Berlin. Keine von den heute im Bundestag vertretenen fünf Parteien stellt daher das Amt eines Kulturstaatsministers grundsätzlich in Frage. Im Gegenteil: Vermehrt ist in den vergangenen Jahren die Frage aufgekommen, ob die Bundesrepublik nicht sogar einen eigenständigen Bundeskulturminister bräuchte. Die Meinungen hierzu sind gespalten. Sicher aber ist eines: Es ist auch hierzulande zum Glück normal geworden, die großen Fragen von nationaler Kultur und Identität in Angriff zu nehmen.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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